Die Berliner setzen der Macht der Fahrtenvermittler eine Plattform für Auftragnehmer entgegen – und vollziehen damit selbst einen Kurswechsel.

Du bist dein eigener Chef, suchst dir Arbeitszeiten selbst aus und kannst dir schnell ein ordentliches Einkommen aufbauen: Mit Versprechen wie diesen rekrutieren Uber, Lyft & Co. weltweit selbständige Fahrer. Doch die Realität ist oft ernüchternd. Zwischen einzelnen Aufträgen heißt es immer wieder warten, warten, warten – bezahlt wird der Leerlauf nicht. „Unabhängige Fahrer stehen in der Regel mehr als die Hälfte ihrer Zeit herum“, sagt Julian Glaab. „Wirklich gekümmert hat sich um dieses Problem nie jemand.“

Mit seinem Unternehmen Bliq will der Gründer das ändern. Das Berliner Start-up hat eine App entwickelt, die sogenannten Gig-Arbeitern – also Menschen, die von vielen kleinen Aufträgen von Vermittlungspattformen abhängig sind – das Leben erleichtern soll. Die Idee: Bliq Ride zeigt auf einer Karte zum einen an, wo eine große Nachfrage nach Fahrten erwartet wird. Zum anderen bündelt die App Fahr- und Lieferanfragen gleich mehrerer Anbieter. Eine Tour für Uber, eine für den Konkurrenten Lyft – und die nächste für einen Essenslieferdienst: Durch den ständigen Wechsel des Auftraggebers sollen die Fahrer möglichst gut ausgelastet werden.

Gestartet als Park-App

Entstanden ist die Idee über Umwege. Ursprünglich war das 2017 in Braunschweig gegründete Unternehmen mit einer Park-App angetreten, schwenkte dann aber auf ein B2B-Modell mit Autokonzernen als Kunden um. Aus Positionsdaten von Fahrzeugen berechnete das Start-up nicht nur Wahrscheinlichkeiten dafür, wo Parkplätze frei werden, sondern versuchte daraus auch abzuleiten, wo gerade die Nachfrage nach Taxifahrten groß ist. Das war der Startpunkt von Bliq Ride.

Aktuell wird die App nach Angaben des Start-ups von 2.500 Fahrern in Berlin, München und Köln genutzt. Bliq wertet inzwischen auch Flug- und Bahndaten sowie Veranstaltungskalender aus, um Kundenpotenziale vorherzusagen. Die Fahrer können außerdem sehen, wo schon viele andere unterwegs sind und sich in einem Chat austauschen. Die Funktionen zur Auftragsverwaltung sollen im Dezember freigeschaltet werden – derzeit läuft ein Beta-Test mit 100 Fahren in Berlin.

Anschub von Investoren

Nun wollen sich Glaab und seine Mitgründer Torgen Hauschild sowie Johannes Riedel voll auf Bliq Ride konzentrieren. „Wir bauen eine digitale Plattform für Gig-Arbeiter“, sagt Glaab. So denke man bereits daran, die Fahrer bei der Beschaffung von Genehmigungen und ähnlichem zu unterstützen. Ausgeweitet könne das Modell auch auf andere Sektoren – etwa auf Lieferdienste oder auf die Kurier- und Paketbranche.

Bei Investoren stößt das Vorhaben auf Interesse. Gerade konnte das Start-up eine Finanzierungsrunde in Höhe von zwei Millionen Euro abschließen. Der Kreis der Geldgeber ist bunt – und international: Mit Amplifier Ventures und Atlantic Labs sind zwei Berliner Wagniskapitalgeber an Bord. Hinzu kommen der auf Mobilitäts-Start-ups spezialisierte mexikanische Frühphaseninvestor Proeza Ventures, Finanzcheck-Gründer Andreas Kupke sowie die US-Investoren Revell und Space Capital.

Schnelle Internationalisierung geplant

Mit dem frischen Kapital will das aktuell 17 Mitarbeiter große Unternehmen schnell internationalisieren – denn der Markt in Deutschland ist beschränkt. Neben Uber ist hierzulande aktuell nur das Free Now mit der Vermittlung von Fahrten unterwegs. Gerüchten zufolge verhandeln die Gesellschafter Daimler und BMW zudem darüber, den aus Mytaxi hervorgegangenen Dienst an den US-Konkurrenten zu verkaufen. Hinzu kommt: Anders als etwa in den USA sind die Fahrer hierzulande wegen gesetzlicher Beschränkungen nicht selbständig, sondern bei Subunternehmen angestellt.

„Unser Geschäftsmodell funktioniert trotzdem, weil die Unternehmen daran interessiert sind, ihre Fahrer voll auszulasten“, sagt Glaab. „Aber in Europa sind die Ridesharing-Märkte etwa in Großbritannien oder in Osteuropa sehr viel größer.“ Technisch können von der App bereits Aufträge des indische Fahrtenvermittlers Ola, der sich aktuell in Großbritannien vorantastet, sowie des stark expandierenden Konkurrenten Bolt aus Estland, vermittelt werden.

Geld verdienen will das Start-up mit Provisionen auf über die App vermittelte Aufträge. Diese liegen laut des Gründers zwischen 25 und 50 Cent. Langfristig sieht Glaab auch ein weiteres Erlös-Potenzial: Die App könnte auch genutzt werden, um mit der Smartphone-Kamera der Fahrer Straßenzüge zu analysieren – und so beispielsweise Gefahrenstellen, Baustellen oder auch freie Parkplätze auszumachen. Allesamt Daten also, die für Kartendienste und das autonome Fahren interessant sind.