Der Online-Kiosk Blendle aus Holland wächst. Offene Räume, „Familien-Mahlzeiten“ und flexibles Arbeiten halten den Alltagstrott fern.

Von Jens Twiehaus

Es ist 13.30 Uhr und im Büro von Blendle sieht es wie nach einer Party aus. Leere Schüsseln, schmutzige Teller, halbvolle Packungen mit Brot und Butter türmen sich auf den Holztischen. Die knapp 80 Mitarbeiter des holländischen Start-ups haben sich nach dem gemeinsamen Mittagessen zurückgezogen – an ihre Schreibtische oder nebenan aufs Sofa, das Macbook auf dem Schoß.

Im vierten Stock eines grauen Bürohauses in Utrecht, südlich von Amsterdam, erinnert der Alltag mehr an WG-Leben als an Arbeit. Das ist Konzept und Methode: Blendle, 2013 als Online-Kiosk zum Kauf einzelner Zeitungsartikel gestartet, wächst kontinuierlich und will dennoch Start-up bleiben. Ein Drei-Millionen-Investment von Axel Springer und der „New York Times“ gab Ende 2014 einen Push, inzwischen können Nutzer auch in Deutschland und den USA einzelne Texte für Centbeträge kaufen.

Aus der Belegschaft muss Gemeinschaft werden

Die Kinderschuhe der frühen Phase stehen längst vor der Tür, nicht mehr jeder kennt jeden – und deshalb müssen bei Blendle Gelegenheiten her, in denen aus der Belegschaft eine Gemeinschaft wird. Etwa beim Essen. Wer will, kann auch zum Abendbrot bleiben. Alle Mahlzeiten sind kostenlos, eine Office Managerin kocht für alle. Zunehmend kommen Nicht-Niederländer ins Unternehmen – eine Grüppchenbildung droht, auch, weil ganz unterschiedliche Berufsgruppen zusammenwirken: Neben rund 50 Programmierern arbeiten auch Journalisten, Marketingfachleute und Buchhalter miteinander.

Um unverkrampft maximalen Austausch zu garantieren, ließen die Blendle-Gründer Marten Blankesteijn und Alexander Klöpping so wenige Wände wie möglich einbauen. Herz der vor wenigen Monaten bezogenen Büroetage ist der Eingangsbereich – Küche, Essecke, Konferenzraum und Sofalandschaft in einem.

Personalmanager Thijmen Klompmaker sagt: „Wir haben hier viele offene Räume. Das führt dazu, dass sich viele Leute oft miteinander unterhalten.“ Ein selbstgebautes Holzhaus im Büro dient als weiterer Konferenzbereich. Nur an den Schreibtischen, die nicht fest an bestimmte Mitarbeiter vergeben sind, herrscht Flüsterpflicht.

Homeoffice? Mach’s halt!

Klompmaker wirbt in euphorisch getexteten Stellenanzeigen nicht nur mit dem spaßigen Leben im Unternehmen, sondern auch mit der liberalen Anwesenheitspolitik. „Es ist bei uns kein Problem, mal einen Tag zu Hause zu bleiben und von dort zu arbeiten“, sagt der 29 Jahre alte Personaler. Und wenn es doch ein spontanes Meeting gibt? „Na, dann schaltest du dich halt über Google Hangout dazu.“ Etwa die Hälfte der Mitarbeiter wohnt in Amsterdam, die halbstündige Zugfahrt bezahlt ihnen übrigens ihr Arbeitgeber – vielleicht auch als Anreiz, damit alle möglichst oft ins Büro kommen.

Personalmanager Klompmaker beteuert, nicht besonders strategisch vorzugehen, um die Start-up-Atmosphäre beizubehalten. Das Team ist im Schnitt 27, 28 Jahre alt, zumeist männlich, weiß und niederländisch. Einige von ihnen waren mal in Beratungsfirmen wie McKinsey, vorher Freiberufler oder in anderen Start-ups beschäftigt. „Diese Mischung war nicht unbedingt geplant, sie kam einfach so.“ Künftig muss Klompmaker die Augen noch offener halten und international rekrutieren. Entwickler sind ohnehin Mangelware, im kleinen Holland jedoch erst recht – nur eine handvoll Universitäten bilden überhaupt Informatiker aus.

Blendle muss sich fortlaufend Neues ausdenken, um die Nerds bei Laune zu halten. Fest ins Programm gehören auch gemeinsame Reisen des kompletten Teams: Zweimal im Jahr mieten sich alle in einem Ferienpark ein. Arbeit sei dann verboten, sagt Klompmaker. Pflichtprogramm hingegen: Ein angemieteter Bungalow wird zum Partyhaus.