Im Interview spricht Paul-Alexander Thies darüber, wie das Buchhaltungs-Start-up in sechs Länder gleichzeitig expandiert – und welche Hürden es gibt.

Spanien, Portugal, Frankreich, Großbritannien – und bald auch Italien und die Niederlande: Gleich in sechs Länder drängt derzeit Billomat. Als eines der ersten deutschen Fintechs, das auf Online-Buchhaltungssoftware spezialisiert ist, wollen die Nürnberger so eine europäische Marke aufbauen. Doch die Expansion ist komplex, sind doch auch innerhalb der EU noch viele unterschiedliche Landesgesetze zu beachten.

Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer spricht Billomat-CEO Paul-Alexander Thies darüber, wie das Start-up vorgeht – und welche Hürden er sich gegenübersieht. Der ehemalige Rocket-Internet-Manager war 2016 bei Billomat eingestiegen, nachdem die ursprünglichen Gründer das Unternehmen verlassen hatten. Seither ist die Software modernisiert und erweitert worden und der Hauptsitz wurde von Siegen nach Nürnberg verlegt. Ein Entwicklungsstandort ist Dresden. Aktuell beschäftigt das Start-up 45 Mitarbeiter.

Herr Thies, Sie haben Anfang 2017 noch gesagt, eine Internationalisierung koste zu viel Zeit und Geld – inwiefern haben sich die Vorzeichen nun geändert?
Tatsächlich wäre eine Expansion damals nur schwer machbar gewesen. Mein Fokus lag erst einmal darauf, ein schlagkräftiges Team in Deutschland aufzubauen – und die Software auf Vordermann zu bringen. Billomat war ursprünglich stark auf die Rechnungsstellung fokussiert, inzwischen bieten wir eine komplette Buchhaltungs-Lösung an. Die DACH-Region – also Deutschland, Österreich und die Schweiz – war ein sehr guter Startpunkt. Wir können nun vieles übertragen und an andere Länder anpassen.

Billomat hat zuletzt Anfang 2018 Geld vom Bestandsinvestor ONB, einer Tochter des Telefonbuchverlags Hans Müller, bekommen. Kürzlich haben Sie die Steuer-Software Taxbutler übernommen. Reichen die Mittel aus der Finanzierungsrunde noch für die Expansion?
Den größten Teil können wir aus laufenden Betriebseinnahmen zahlen. Wir versuchen bewusst, die Kosten niedrig zu halten – und bearbeiten die Märkte erst einmal von Nürnberg aus. Das geht auch mit schlanken Strukturen: Wir brauchen jeweils einen Country Manager für Marketing und Vertrieb und einen Kundenservice-Mitarbeiter. Unsere Software ist flexibel genug aufgebaut, um sie für die jeweiligen Besonderheiten schnell anpassen zu können.

Sie haben dennoch Tochterunternehmen im Ausland gegründet – warum?
Die Landesgesellschaften machen die Zusammenarbeit mit Behörden und Banken viel einfacher – zum Teil sind die regulatorischen Anforderungen sehr anspruchsvoll. In Portugal beispielsweise müssen sich Buchhaltungsanbieter anders als in Deutschland von den Finanzbehörden zertifizieren lassen. Ein Knackpunkt ist auch, in welcher Form Buchhaltungsdaten von Kunden für Steuerprüfungen aufbereitet werden müssen. Da gibt es innerhalb der EU unterschiedliche Vorgaben.

Das klingt nicht gerade nach dem einheitlichen Binnenmarkt, den die EU-Kommission anstrebt.
Natürlich hilft es, dass viele Gesetze über die Jahre aneinander angeglichen worden sind. Von einem echten Binnenmarkt sind wir aber noch weit entfernt. In jedem Land werden andere Dokumente benötigt. Schon die Verfahren zur Unternehmensgründung und die Rechtsformen sind überall unterschiedlich. Die ersten Gründungen von Landesgesellschaften haben uns sieben bis zehn Monate Vorbereitung gekostet. Dabei haben wir jeweils eng mit externen Steuerfachanwälten und -beratern sowie Wirtschaftsprüfern zusammengearbeitet.

Seit Sie das Ruder bei Billomat übernommen haben, sitzt das Unternehmen in Nürnberg. Ist es dort nicht schwerer, mehrsprachige Mitarbeiter zu finden als in Berlin – oder eben in den jeweiligen Ländern vor Ort?
Für mich war es eine bewusste Entscheidung, nicht nach Berlin zu gehen. Die Mitarbeiter-Fluktuation dort ist sehr hoch – dort gibt es viel Hopping von einem Start-up zum nächsten. In Nürnberg finden wir auch qualifizierte Fachkräfte, mit Unternehmen wie Adidas, Puma, Datev und Immowelt sind namhafte Arbeitgeber hier in der Region. Ich arbeite schon lange mit einer externen Recruiterin zusammen, mit der ich über die Jahre einen Pool aus internationalen Talenten aufgebaut habe. Das hilft uns jetzt, neue Stellen schnell zu besetzen. Sicherlich werden wir über kurz oder lang auch Mitarbeiter vor Ort brauchen, aktuell gäbe es aber zu große Reibungsverluste bei verteilten Standorten.

Wie haben Sie die Länder für die Expansion ausgewählt?
Grundlage für uns war die Studie eines Wirtschaftsforschungs-Instituts zur Gründungstätigkeit in Europa. Denn: Für uns sind Start-ups, Freiberufler und Selbständige nach wie vor eine sehr wichtige Kundengruppe. Hinzu kommt, dass wir natürlich über die Zeit auch Anfragen aus anderen Ländern bekommen haben.

Andere deutsche Anbieter von Buchhaltungs-Software wie Lexoffice, Fastbill oder Zeitgold scheinen eine breitere Internationalisierung noch zu scheuen. Was sind international große Konkurrenten?
Große Wettbewerber sind beispielsweise Xero aus Neuseeland und Freshbooks aus den USA. Die expandieren derzeit stark, machen aber noch einen Bogen um den europäischen Markt. So gesehen ist die Komplexität innerhalb der EU auch ein Vorteil für uns.

Denken Sie denn daran, auch außerhalb Europas aktiv zu werden?
Bei uns steht jetzt erst einmal der Start in Italien und in den Niederlanden im Dezember oder Januar auf dem Plan. Asien oder die USA sind aber ganz klar auch interessante Märkte für uns. Dort müssten wir dann aber eigene Teams aufbauen, was eine gewisse Komplexität mit sich bringt. Diesen Schritt möchte ich möglichst erst dann gehen, wenn wir neue Wagniskapitalgeber aus diesen Regionen gewonnen haben.