Die deutsche Hauptstadt zieht nicht nur Gründer aus der Bundesrepublik an. Auch Unternehmer aus dem Ausland kommen nach Berlin – nicht nur wegen günstiger Mieten.

Als der US-Amerikaner Gary Lin 2006 nach Berlin kam, war das eine strategische Entscheidung, aber keine Entscheidung für die deutsche Hauptstadt. Weil sein Geschäftspartner Tim Nilsson in London saß, die beiden ihr Geschäft mit ihrem Start-up Glispa, einem Online-Marketing-Unternehmen, aber global aufziehen wollten, entschieden sie sich dafür, ein kleines Büro in der deutschen Hauptstadt zu eröffnen. „In Berlin war damals noch nicht viel los in der Start-up-Szene“, sagt Lin rückblickend.

Doch die Metropole überzeugte den Gründer durch zwei wesentliche Merkmale: dass sie in dem Land mit der stärksten Wirtschaft Europas lag – und dass sie „gut ausgebildete und talentierte Fachkräfte“ bot, wie Lin im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer erzählt.

„Berlin ist attraktiv“

Das sind Wettbewerbsfaktoren, die immer mehr Gründer schätzen – nicht nur in der Bundesrepublik selbst, sondern auch international. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey aus dem Jahr 2013 zählt die Hauptstadt der Bundesrepublik zu den wichtigsten Gründerorten Europas – neben Tel Aviv, London, Paris und Moskau. Rund 100.000 neue Arbeitsplätze sollen bis 2020 in Berlin entstehen, prognostiziert die Studie.

Dass sich Berlin so gut entwickelt hat, begründet Christian Malorny, Studienautor und Start-up-Experte bei der Unternehmensberatung McKinsey, auch mit dem thematischen Fokus der Stadt. „Was wir in der Hauptstadt sehen, ist die Fähigkeit, einen Cluster aufzubauen“, sagt er. Genauso wie Wolfsburg die Autoindustrie anziehe, kämen nach Berlin die Start-ups und Gründer. „Berlin bietet ein kulturell attraktives Umfeld und einen Senat, der die Gründerszene unterstützt“, sagt Malorny. Die Metropole hat bei ihrer Entwicklung auch von der Wende profitiert – denn diese hat dafür gesorgt, dass in Berlin zum Beispiel Wohnräume günstig zu mieten sind.

Als Gary Lin nach Berlin kam, war diese Entwicklung noch nicht absehbar. „Wir hatten sehr viel Glück, dass sich das Ökosystem in Berlin so stark entwickelt hat“, sagt der US-amerikanische Gründer Lin. Er hatte eine erste Version von Glispa bereits 2001, vor dem Ende der Dotcom-Blase, gegründet – aus seinem Schlafzimmer, wie er erzählt. Die Idee: Onlinewerbung anzubieten.

Als er mit seiner Firma nach Deutschland kam, übernahm Glispa ein kleines Start-up mit drei Mitarbeitern, um sich besser zu etablieren. Auch daran sieht Lin die Entwicklung Berlins: Früher habe er hauptsächlich deutsche Staatsbürger beschäftigt, heute arbeiten bei Glispa Menschen aus 35 Nationen.

Gerade für ausländische Gründer ist die Stadt interessant, sagt auch McKinsey-Experte Malorny. Er geht davon aus, dass in 25 Jahren jeder dritte Gründer ausländische Wurzeln haben wird.

Der frühere Manager Nick Franklin arbeitete in Manila auf den Philippinen, war dort verantwortlich für den Asienauftritt, bevor er nach Berlin kam. Im Jahr 2014 wollte er sich verändern, gab er seinen Job auf, zog mit seiner Frau in die deutsche Hauptstadt und baute das Start-up ChartMogul auf, ein Unternehmen, das Daten für Unternehmen auswertet.

„Ich kann kein Deutsch lesen“

Dass er sich ausgerechnet für Berlin entschied, begründet er damit, dass es ihm sinnvoller erschien, sein Start-up „in einem Land mit besserer Infrastruktur und besseren Voraussetzungen“ aufzubauen. Ihn überzeugten vor allem die niedrigen Lebenskosten und das schon vorhandene „Netzwerk erfolgreicher Technikfirmen“, wie Franklin sagt.

Der Start verlief vielversprechend: Im November stellte er seine Betaversion vor, im Dezember das offizielle Produkt. Anfang 2015 sammelte ChartMogul 600.000 US-Dollar ein, mit Hilfe einer Fundraising-Veranstaltung mit Point Nine Capital, Michael Hansen und Tom James. „Seit dem wachsen wir sehr stark und gewinnen täglich neue zahlende Kunden“, sagt Franklin.

Doch die Gründung lief nicht komplett reibungslos ab. „Man muss sich registrieren, Verträge abschließen, ein Geschäftskonto bei der Bank eröffnen, dann sind da noch Krankenversicherung, die Gewerbeanmeldung und so weiter“, sagt Franklin. „Ich kann kein Deutsch lesen, weshalb das meiste davon für mich nahezu unmöglich gewesen ist.“ Der Brite holte sich deshalb Hilfe und ließ sich von ortsansässigen Buchhaltern und Anwälten sowie Bankangestellten beraten.

McKinsey sieht hingegen vor allem Probleme bei der Finanzierung. Berlin sei zwar stark bei der Anfangsfinanzierung, aber in der mittleren Phase, der Wachstumsfinanzierung, noch vergleichsweise unterentwickelt, sagt Christian Malorny. „Der Wert der Unternehmen in Berlin wird geringer bemessen als der der Start-ups im Silicon Valley.“

Er hat trotzdem Hoffnung, dass die Stadt Investoren anzieht, auch, weil der Börsengang von Rocket Internet und Zalando einige Venture Capitalists an die Spree gelockt hat. „Interessanterweise kommen nicht die deutschen, sondern die internationalen Investoren nach Berlin und bauen hier Büros auf“, so der McKinsey-Experte. Ein Beispiel dafür sei der US-Softwareentwickler Microsoft, der einen eigenen Inkubator in der Stadt aufgebaut hat.

„Das nächste Google muss aus Berlin kommen“

Damit Berlin seine Gründerszene ausbauen kann, muss sich die Stadt aber auf ein paar wichtige Start-up-Themen fokussieren. McKinsey-Experte Christian Malorny sieht für die Metropole drei Zukunftsaspekte. Dazu gehören neben Digital Tech, also beispielsweise das Internet 4.0, auch ein Schwerpunkt auf medizinische Technologie und auf sogenannte Urban Technology, etwa die Mobilität der Zukunft. Die Stadt arbeitet bereits daran: Sobald der neue Flughafen fertig ist, will sie den jetzigen Flughafen Tegel zum Hort für Urban Tech machen. Für Malorny ist klar: „Das nächste Google oder das nächste Apple muss aus Berlin kommen.“

Der Hype um Berlin ist nicht ungerechtfertigt, sagt auch Glispa-Gründer Lin. „Heute steckt hinter dem Hype auch Substanz“, sagt er. Für ihn bietet die deutsche Hauptstadt sogar mehr als das amerikanische Gründertal: „Berlin ist besser als das Silicon Valley, weil die Stadt vielfältiger ist.“ Der Grund: In San Francisco siedelten sich vor allem Hightech-Start-ups an, 90 Prozent der Mitarbeiter seien männlich, 60 Prozent Ingenieure. Die Start-up-Welt in Berlin punktet für Gary Lin mit einer bunten Mischung aus Branchen und Internationalitäten.

Der Brite Franklin hält seine Entscheidung, in die deutsche Hauptstadt zu gehen, für genau richtig. Er will gar nicht mehr weg: „Ich bin zuversichtlich, dass wir immer in Berlin bleiben werden“, sagt er.