Das Pariser Start-up will seine Aktivitäten in Deutschland deutlich ausweiten. Dabei hilft eine Finanzspritze von 110 Millionen Euro.

Berlin, Frankfurt und München sind in der engeren Auswahl – aber wegen der Corona-Krise stockt nun die Standortsuche. „Es war in den vergangenen Wochen nicht wirklich möglich, Büros zu besichtigen“, sagt Back-Market-Chef Thibaud Hug de Larauze. Das französische Start-up hat große Pläne für Deutschland: 15 Millionen Euro will der Online-Marktplatz für gebrauchte Elektrogeräte hier in diesem Jahr investieren. 20 Mitarbeiter für Kundenservice und Logistik sollen eingestellt werden, geplant sind laut Hug de Larauze zudem Werbekampagnen im Fernsehen. „Wir hoffen nun, dass wir in den kommenden drei Monaten ein Büro in Deutschland eröffnen können.“

In acht Ländern ist das 2014 gegründete Start-up bereits aktiv, darunter in den USA, wo es bereits ein eigenes Büro gibt. Wichtigster Markt ist nach wie vor Frankreich – doch die Wachstumsraten sind nirgendwo in Europa so groß wie in Deutschland“, sagt der Gründer: „Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Ökologie ist in Deutschland besonders ausgeprägt.“ Back Market sieht sich als Vorreiter der sogenannten Kreislaufwirtschaft: Auf dem Marktplatz bieten Händler angekaufte und aufbereitete Gebraucht-Geräte an, die sonst womöglich verschrottet worden wären. Anders als bei Privatverkäufen können Verbraucher sicher sein, dass die generalüberholten Geräte technisch einwandfrei funktionieren. Hinzu kommt eine 36-monatige Garantie.

Goldman Sachs steigt ein

Für die Expansionspläne haben Hug de Larauze und seine Mitgründer Quentin Le Brouster und Vianney Vaute gerade frisches Wagniskapital eingesammelt. 100 Millionen Euro kamen bei der von der US-Investmentbank Goldman Sachs angeführten Finanzierungsrunde zusammen. Weitere Geldgeber sind die Groupe Arnault, die Holding hinter den Luxusgüterkonzern LVMH und Christian Dior, sowie der Private-Equity-Firma Eurazeo. Die beiden französischen Unternehmen sind schon länger Anteilseigner des Start-ups, das zuletzt im Juni 2018 eine Finanzierungsrunde über 45 Millionen Euro abgeschlossen hatte. Die neue Kapitalspritze fällt nun in eine Zeit, in der viele Wagniskapitalgeber extrem vorsichtig sind und viele geplanten Finanzierungsrunden vorschoben werden.

Dass Back Market davon nicht betroffen ist, hängt auch damit zusammen, dass das Start-up von der Corona-Krise tendenziell profitiert. Aktuell halten auch viele private Haushalte ihr Geld zusammen und greifen eher zu einem gebrauchten, günstigeren Gerät. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Elektronik groß: Eltern besorgen beispielsweise Laptops und Tablets für ihre Kinder, damit diese am Fernunterricht teilnehmen können. Wegen des Lockdowns ist auch Unterhaltungselektronik extrem gefragt, beobachtet Hug de Larauze: „Konsolen und Videospiele waren bei uns zwischenzeitlich so gut wie ausverkauft.“

Werben um Partnerunternehmen 

Eigenen Angaben zufolge arbeitet Back Market in Europa mit tausend Refurbishern zusammen, also Werkstätten, die gebrauchte Geräte generalüberholen. Über den Marktplatz können sie ihre Artikel europaweit anbieten, ohne selbst in die Vermarktung einsteigen zu müssen. Hilfe gibt es zudem bei Kundenservice und Logistik. Geplant sind laut Hug de Larauze in Deutschland auch sogenannte Fulfillment-Center – also Lagerstätten, an die Händler ihre Waren gebündelt schicken können. Back Market übernimmt dann den Versand an Endkunden und kümmert sich Retouren.

Verlockend sind die Angebote vor allem für kleinere Werkstätten. Doch zu den Partnern zählt das Start-up durchaus auch größere Unternehmen, die bereits eigene Shops für den An- und Verkauf betreiben. Als Referenz gibt Back Market unter anderem Asgoodasnew, Clevertronic und Recommerce an. „Auch etablierte Marken können von der Reichweite unseres Marktplatzes profitieren“, sagt Hug de Larauze. Ähnlich argumentiert der österreichische Konkurrent Refurbed, der im März 16 Millionen Euro von Wagniskapitalgebern bekommen hat.

Der Ankauf als Flaschenhals

Doch nicht überall stoßen die Marktplätze auf Gegenliebe. Denn sie verdienen über Provisionen – bei Back Market sind es zehn Prozent des Umsatzes – kräftig mit. So hat sich Rebuy, nach eigenen Angaben mit einem Jahresumsatz von 140 Millionen Euro Marktführer unter den Elektronik-Aufbereitern in Europa, bewusst gegen eine Zusammenarbeit mit Back Market und Refurbed entschieden. „Wir haben über die Jahre eine starke Marke und einen loyalen Kundenstamm aufgebaut“, sagt Geschäftsführer Philipp Gattner.

Er betont, dass Rebuy mit seinen über 500 Mitarbeitern vom Ankauf über die Aufbereitung bis zum Verkauf alle Prozesse selbst abwickelt und dadurch eine hohe Qualität sicherstellen könne. „Derzeit sehen wir keinen Vorteil darin, unsere Waren auch über einen Marktplatz anzubieten.“ Hinzu kommt: Passende Verkaufskanäle zu finden, sind nur ein Teil des Geschäfts. Genauso wichtig für Refurbisher ist es, für einen steten Nachschub an Gebrauchtgeräten zu sorgen. „Da liegt aus meiner Sicht der eigentliche Flaschenhals“, sagt Gattner.

Wachsende Nachfrage

Auch Back-Market-Chef Hug de Larauze sagt: „Wir müssen noch mehr Anreize dafür setzen, dass Verbraucher ausgemusterte Geräte nicht in einer Schublade verschwinden lassen, sondern wieder in den Kreislauf geben.“ In Frankreich können Kunden bereits auch gebrauchte Geräte verkaufen, ähnliches ist auch für Deutschland geplant. Zudem gibt es Kooperationen mit mehreren Herstellern von Elektroprodukten, die verstärkt Recycling- und Ankaufprogramme anbieten. „Große Marken können den Markt nicht ignorieren, da immer mehr Verbraucher entsprechende Angebote erwarten.“

Von einer stark steigenden Nachfrage gehen auch Marktforscher aus. So erwartet das Analystenhaus IDC, dass weltweit alleine mit gebrauchten Smartphones im Jahr 2023 rund 67 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Das entspräche einer jährlichen Wachstumsrate von 13,6 Prozent. Back Market selbst schätzt, dass der Marktanteil aufbereiteter Geräte in Relation zu Neuwaren aktuell bei gerade einmal sechs Prozent liegt. „Ökologisch ist es Wahnsinn, ein Gerät zwei Jahre zu nutzen und dann wegzuschmeißen“, so der Gründer.