Das Darmstädter Start-up holt einen italienischen Konzern ins Boot. Der hat die Option, in den kommenden Jahren alle Anteile zu übernehmen.

So verheerend die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise auch sind – für Authada hätte es kaum eine bessere Vertriebshilfe geben können: Mit dem Lockdown Ende März wichen viele Menschen auch in gesetzlich hochregulierten Branchen auf Onlineangebote aus – etwa bei der Kontoeröffnung oder dem Abschluss eines Mobilfunkvertrags. Doch der nötigte Identifizierungsprozess nach der Registrierung sorgte aber häufig für Frust: Zu Spitzenzeiten hingen Kunden stundenlang in den Warteschlangen von Dienstleistern, die per Videochat Ausweisdokumente kontrollieren.

Seit der Gründung 2015 arbeitet Authada daran, ein alternatives Identifizierungs-Verfahren zu etablieren, das vollautomatisch funktioniert – aus Sicht des Gesetzgebers aber genauso sicher ist. Der Schlüssel dazu ist der elektronische Personalausweis: Das Darmstädter Start-up hat eine Software entwickelt, die Smartphones zu Lesegeräten für den in den Dokumenten integrierten Chip macht. Genutzt wird dafür der Nahfunkstandard NFC. Um ihre Identität zu bestätigen, müssen Kunden ihr Handy nur über den Ausweis halten und ihren PIN-Code eingeben. Das Warten auf einen freien Callcenter-Mitarbeiter fällt weg.

Schub für den digitalen Personalausweis

Die Nachfrage nach der Lösung war lange relativ verhalten – viele Bürger fremdeln seit jeher mit den Onlinefunktionen des Personalausweises. Doch die Corona-Krise und die Überlastung der Videoident-Anbieter hat nun einen Nachfrage-Schub ausgelöst. „Viele Menschen, bei denen der Pin-Brief jahrelang im Regal verstaubt war, nutzten im Frühjahr erstmals die Online-Funktion“, sagt Authada-Mitgründer und CEO Andreas Plies. „Bei vielen unserer Geschäftskunden haben wir eine Verdopplung oder Verdreifachung der Nutzerzahlen gesehen.“

Zum Einsatz kommt die Technologie von Authada bisher vor allem in der Finanzbranche, in denen das Geldwäschegesetz eine Identifizierung verlangt. Zu den Kunden gehören etwa die Direktbank Comdirect und die Sparkassenfinanzgruppe. Seit März ist Authada außerdem ein vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifizierter „Diensteanbieter für eID-Funktionen“. Das erlaubt dem Unternehmen auch abseits der Finanzbranche tätig zu werden – etwa im Telekommunikations-Bereich, wo Vodafone bereits zu den Nutzern der Technologie gehört.

Nun will das Start-up in weitere Branchen vordringen. „Wir sehen vor allem bei Versicherungen, im E-Commerce und bei E-Health-Anwendungen ein großes Marktpotenzial“, sagt Mitgründer Robin Acker. Er verweist darauf, dass sich die Rahmenbedingungen stark zu Gunsten des Start-ups gewandelt haben. Zum einen ist die eID-Funktion seit 2017 bei neuen Personalausweisen immer aktiviert – vorher konnten Bürger diese deaktivieren. Zum anderen hat Apple im vergangenen Jahr die NFC-Schnittstelle beim iPhone geöffnet. Bis dahin konnten nur Smartphone mit Android-Betriebssystem Ausweisdokumente über den Nahfunkchip auslesen.

Tinexta-Gruppe kauft sich ein

Die rege Nachfrage der vergangenen Monate hat Authada auch bei der Suche nach einem strategischen Investor geholfen: Gerade ist das auf digitale Signaturen und Zertifikate spezialisierte Infocert mit einem mittleren siebenstelligen Betrag bei dem aktuell 22 Mitarbeiter großen Start-up eingestiegen. Infocert gehört zur börsennotierten Tinexta-Gruppe aus Italien. „Wir haben einen Kooperationspartner gesucht, der uns bei der europäischen Expansion hilft“, sagt Plies. Umgekehrt könne Authada Infocert dabei unterstützen, die Präsenz des Unternehmens in Deutschland auszubauen.

Der neue Investor hält nun 16,7 Prozent der Anteile an Authada. Größter Gesellschafter ist noch die Fintech-Schmiede Finlab, die seit dem Frühjahr 2016 an dem Spin-off der Hochschule Darmstadt beteiligt ist. 2018 war außerdem die Commerzbank-Tochter Main Incubator bei Authada eingestiegen. Die Besitzverhältnisse könnten sich in drei Jahren noch einmal deutlich verschieben: Wie die Unternehmen in einer gemeinsamen Mitteilung vergangene Woche erklärt haben, hat sich Tinexta die Option für eine Komplettübernahme gesichert. Maßgeblich seien die Jahresergebnisse 2021 und 2022.

Kooperationen mit WebID und IDnow

Konkurrenz macht Authada derzeit vor allem der Staat: Mit der vom Bremer IT-Dienstleister Governikus entwickelten „AusweisApp2“ unterhält der Bund eine eigene Smartphone-Applikation für eID-Dienste. Der Schwerpunkt liegt zwar auf digitalen Behördengänge. Doch auch Privatunternehmen können andocken. So nutzt beispielsweise die Telekom die Technologie in ihren Filialen.

Die Videoidentifizierungs-Dienstleister, die Authada technologisch angreift, nimmt das Start-up interessanterweise derzeit weniger als Konkurrenz war. „Wir glauben, dass sich beide Verfahren gut ergänzen“, sagt Plies. Mit den Platzhirschen WebID und IDnow, die sich seit Jahren einen harten Wettkampf liefern, kooperiert Authada sogar – beide Anbieter haben das eID-Verfahren in ihre Plattformen integriert. So können beispielsweise Vodafone-Kunden bei der Aktivierung einer Prepaid-Karte wählen, ob sie sich lieber per Videochat oder E-Perso ausweisen wollen.