27 Prozent aller Schulkinder zeigen psychische Auffälligkeiten. Eine App soll ihnen helfen. Für deren Weiterentwicklung gab es nun eine Finanzspritze.

Wenn Jean Ochel an seine Kindheit zurückdenkt, erinnert er sich an Wutanfälle, Hyperaktivität und Angst. Eine Belastungsprobe für den Schüler, doch weil er mit niemandem über seine Probleme spricht, bleiben die Ursachen für sein Leiden lange unentdeckt. Dabei steht Ochel mit seinen Erlebnissen nicht alleine da. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK zeigen 27 Prozent aller Schulkinder in Deutschland psychische Auffälligkeiten wie Schulstress, Konzentrationsstörungen und Einschlafprobleme. “Trotz des häufigen Auftretens sind diese Krankheitsbilder immer noch mit einem gewissen Stigma behaftet”, sagt Ochel.

Erst im Psychologie-Studium gelingt es ihm das Thema anzugehen und seine Probleme in den Griff zu bekommen. In einem Seminar hört er von Achtsamkeitsübungen und Meditation und testest es selbst – mit Erfolg: „Ich hatte auf einmal nicht mehr diese impulsiven Wut-Momente, konnte mich beim Lernen deutlich besser konzentrieren und wurde vor allem nicht mehr von so vielen zweifelnden Gedanken geplagt.”

Hilfe bei Schlafstörungen oder Schulstress

Jean Ochel beschließt anderen diese positive Erfahrung ebenfalls zugänglich zu machen und entwickelt zusammen mit seinen Co-Gründern Tilmann Wiewinner, Simon Senkl und Felix Noller die App Aumio. Die Anwendung ist für Kinder ab sechs Jahren gedacht und in zehn Kurse zu unterschiedlichen Themen unterteilt. „Wir sprechen breite Themen und niedrigschwellige Probleme an, wie Schlaf, Schulstress oder unkontrollierbare Emotionen“, erklärt Co-Gründer Tilman Wiewinner gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. Schwerwiegende Erkrankungen wie Depressionen dagegen taste man nicht an. „Bei solch akuten psychischen Erkrankungen raten wir Familien professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Um die Kinder abzuholen sind die Übungen als ´Reise durch den inneren Kosmos´ gestaltet. Wie auf einer Weltraumexpedition sollen die jungen Nutzer jeden Tag eine Mission, etwa Konzentrations- oder Atemübungen, erfüllen. Als Belohnung erhalten sie Sterne und Abzeichen.

Sechsstellige Finanzierung

Dass die App im März dieses Jahres pünktlich zum Lockdown an den Start ging, sei Zufall gewesen, so Tilman Wiewinner. Ein Zufall, der allerdings zu steigendem Interesse an der Anwendung geführt habe: „Enge, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und kaum soziale Kontakte zu Gleichaltrigen und Verwandten sind einschneidenden Veränderungen im täglichen Leben von Kindern. Das macht vielen zu schaffen. In einer solchen Situation braucht es Geduld, Verständnis und Akzeptanz. Und genau dabei kann Achtsamkeit und Meditation helfen.“

Rund acht Monate nach dem Start verkündeten die Gründer jetzt den Einstieg zweier Investoren. Der Risikokapitalgeber Capacura, die sich auf  Start-ups in den Bereichen Bildung und Gesundheit spezialisiert ist, und die BACB Bet, eine Beteiligungsgesellschaft von Business Angels aus Berlin und Brandenburg, stecken eine hohe sechsstellige Summe in das junge Unternehmen. Wie viel Geld genau geflossen ist, wollten die Geschäftsführer auf Nachfrage von WirtschaftsWoche Gründer nicht sagen, man habe dazu vertraglich Stillschweigen vereinbart.