Start-ups suchen kluge Köpfe. Eine Studie zeigt: Bei der Bewertung der Arbeitsplatzkultur geht die Schere auseinander. Blinkist und LeanIX sind top, N26 und Infarm hängen hinterher.

Kein Urteil, das ein Arbeitgeber über sich lesen will: „Literally the worst place I’ve ever worked at“. Dieser schlimmste Arbeitsplatz einer Karriere wird einem deutschen Start-up auf einer Karriere-Bewertungsseite attestiert. Für junge Unternehmen können solche Bewertungen ein Risiko sein. Sie wollen schnell wachsen, können aber nicht immer vom Start weg gute Gehälter garantieren. Wenn es viele solcher schlechten Bewertungen hagelt, kann das Bewerber abschrecken.

Eine Auswertung der Branchenveranstaltung Startupnight, die WirtschaftsWoche Gründer vorab vorlag, zeigt nun, wie sehr die Bewertungen von Arbeitnehmern und Bewerbern über die Arbeitsbedingungen deutsche Start-ups auseinander gehen. Sowohl an der Spitze als auch auf den hinteren Plätzen finden sich Digitalunternehmen, denen in ihrer Branche viel zugetraut wird – die das Thema Personal aber aktuell offenbar mit unterschiedlicher Intensität angehen.

„Unsere Analyse zeigt, dass Firmenbewertungen allein nicht ausreichen. Neben Investitionsrunden und Exitplänen, sollten die Unternehmen auch an ihre Mitarbeiter denken“, sagt Cem Ergün-Müller, Gründer der Startupnight. Sein Team hat sich für das Ranking die Bewertungen der 100 am höchsten bewerteten deutschen Start-ups auf Kununu angeschaut. Jedes Unternehmen mit mehr als 20 Kununu-Urteilen ging in die Liste ein.

Meckern fällt oft einfacher

Kununu gehört seit 2013 zu Xing und hat nach eigenen Angaben 3,6 Millionen Bewertungen zu über 900.000 Arbeitgebern gesammelt. Damit gehören diese Seiten zur Pflichtvorbereitung vieler Bewerber auf der Suche nach Erfahrungen. Klar ist jedoch auch: Portale wie Kununu sind nur eine von mehreren Seiten, auf denen solche Urteile gesammelt werden. Glassdoor ist etwa ein großer globaler Konkurrent.

Zudem muss man manche Ergebnisse mit Vorsicht beäugen: Enttäuschte Bewerber oder entlassene Arbeitnehmer haben eine größere Motivation, sich auf der Seite auszulassen, als glücklich und gut beschäftigte Angestellte. Einen Eindruck über Firmenkultur und Bewerberbegleitung können die Urteile jedoch trotzdem geben.

Blinkist und LeanIX vorneweg

Ganz vorne landet in der Auswertung das Start-up Blinkist. Die Berliner fassen Sachbücher zusammen und bieten sie dann als komprimiertes Weiterbildungsangebot an. Bei Kununu vergeben Arbeitnehmer und Bewerber im Schnitt 4,85 von 5 Punkten für das Start-up. Auf der Profilseite wirbt Blinkist unter anderem mit Extras wie „1600 Euro persönlichem Entwicklungsbudget“ pro Jahr und Mitarbeiter. In den Bewertungen spiegelt sich das wider: „Spannende Herausforderungen und Chancen, sich wirkungsvoll und sinnstiftend einzubringen, gibt es viele“, heißt es in einem Beitrag von Anfang Juli.

Hinter Blinkist landet das Softwareunternehmen LeanIX auf Platz zwei. Die Bonner sind aktuell auf starkem Wachstumskurs. Die Firmenkultur scheint dabei zu stimmen: 4,79 Punkte ist der Durchschnittswert bei Kununu. Bronze in dem Ranking holt sich Signavio. Das hochspezialisierte Software-Start-up weist einen Wert von 4,58 Punkten aus (hier geht es zur gesamten Liste).

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Am Ende der Liste finden sich einige der größeren Digitalunternehmen wie Auto1, Getyourguide, Lieferheld oder die Digitalbank N26. Die landet mit einer durchschnittlichen Bewertung von 2,92 Punkten auf dem drittletzten Platz in dem Ranking.

Insbesondere ein vergleichsweise schlechtes Urteil unter Bewerbern zieht den Wert nach unten. „Unser Anspruch ist es allen Bewerber, egal ob man Ihnen ein Jobangebot macht oder nicht, ein positives Gefühl von N26 zu vermitteln“, sagt Georg Hauer, Deutschland-Chef von N26, gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. „In manchen Bereichen wurden wir offenbar diesem Anspruch nicht gerecht. Wir nehmen ein solches Feedback natürlich systematisch auf und bewerten wie wir dies zukünftig verbessern können.“

Eigene Betreuer für N26-Bewerber

Die Digitalbank gibt an, kürzlich ein eigenes Team aufgebaut zu haben, das sich um die Erfahrung von Kandidaten kümmert. „Bei jedem einzelnen Kontakt ist dabei unser Anspruch, dass er unsere Wertschätzung für den Bewerber und die Zeit die er oder sie investiert, widerspiegelt“, sagt Hauer. Ein Blick auf die Masse der Kandidaten hilft zudem bei der Einordnung. Nach eigenen Angaben hätten sich allein 2018 etwa 4500 Menschen bei N26 beworben – „heute sind es bereits deutlich mehr“.

Infarm will an sich arbeiten

Einen noch schlechteren Schnitt im Ranking weist zum einen das Hightech-Unternehmen Cotesa auf, welches mittlerweile zu einem chinesischen Konzern gehört. Am Ende der Liste rangiert Infarm – ein häufig gefeierte Start-up mit deutsch-israelischen Wurzeln. Im Ranking reicht es nur für einen Wert von 2,54 Punkten.

Ein Blick in die einzelnen Urteile zeigt: In den vergangenen Monaten dominieren bessere Bewertungen. Das Start-up will sich das Feedback zudem genau anschauen: Man wolle eine Kultur erschaffen, „auf die alle vergangenen, heutigen und zukünftigen Angestellten stolz sein können“, heißt es in einem Statement gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. In diesem Jahr hat Infarm zudem einen neuen „Head of People“ eingestellt, der das rasante Wachstum begleiten soll.