Start-ups können häufig nicht so hohe Gehälter zahlen wie große Unternehmen. Doch qualifiziertes Personal lässt sich auch anders anlocken.

Wenn sich das österreichische Start-up Shpock auf die Suche nach neuen Mitarbeitern macht, spielt auch Dodgeball eine Rolle. Ein Ballspiel als Einstellungskriterium? Was sich im ersten Moment merkwürdig anhört, erklärt Armin Strbac, Co-Gründer der 2012 gelaunchten Flohmarkt-App, so: „Ähnlich wie beim Dodgeball geht es bei einem Start-up auch darum, selbst anzupacken und im Team etwas bewegen zu wollen. Jeder Einzelne übernimmt von Beginn an Verantwortung und trägt so auch direkt zum Erfolg von Shpock bei.“

Natürlich heißt das nicht, dass man als Bewerber bei Shpock Bälle werfen oder fangen muss. „Zwar ist Dodgeball unser Office-Sport, aber grundsätzlich geht es eher um ein Gefühl. Die fachliche Qualifikation eines Bewerbers ist selbstverständlich essenziell, aber noch viel wichtiger ist der Team-Fit. Wir sind der Meinung, dass man Skills immer lernen kann, wenn man möchte, sich aber die persönliche Einstellung und der Charakter nur schwer anpassen können“, erläutert Strbac.

Das Tischtennis-Duell mit dem Chef am Nachmittag, der gemeinsame Kaffee in der Couch-Ecke, Pilates in der Mittagspause oder eben die Dodgeball-Session mit den Kollegen – das alles gehört zum Alltag des Shpock-Personals. Typisch für Start-ups, mag man denken, und tatsächlich hat sich der Kickertisch in den vergangenen Jahren zu deren Merkmal entwickelt, ebenso wie regelmäßig stattfindende Partys, der kleine Garten mit selbst gezüchteten Tomaten auf der Büro-Terrasse und das gemeinsame Feierabendbier.

Vorstellungsgespräche an der Playstation

All diese Angebote sollen den Mitarbeitern zeigen: Wir sind mehr Familie als Arbeitskollegen. Wir haben Spaß an der Arbeit. Mit dem Chef per Du zu sein, ist bei uns vollkommen normal. Und genau damit steigen die Start-ups ins Rennen um die besten Köpfe ein, denn wer nicht ganz so viel Gehalt zahlen kann wie die bereits etablierten Konkurrenten, der muss es schaffen, qualifiziertes Personal anderweitig von sich zu überzeugen.

„Zum Beispiel, indem man herausstreicht, dass man etwas bietet, das etablierte, große Unternehmen sich zwar auf die Fahnen schreiben, in der Realität aber nur selten umsetzen“, sagt Andreas Kuckertz, der das Fachgebiet Unternehmensgründungen und Unternehmertum an der Universität Hohenheim leitet.

Dazu gehöre, so der Experte, bei den potentiellen Mitarbeitern die Aussicht zu wecken, sich aktiv am Aufbau des Unternehmens beteiligen, mitbestimmen zu können und so das Unternehmen zum Erfolg zu führen. „Symbolisch gesehen ein Mitunternehmer und kein Angestellter zu sein“, sagt Kuckertz.

Eine von ihm durchgeführte Studie hat ergeben, dass es flache Hierarchien und die Aussicht auf eine abwechslungsreiche Arbeit sind, die viele junge Berufstätige in ein Start-up lockt, schließlich macht häufig jeder alles. Auch das Gemeinschaftsgefühl spiele eine immense Rolle: „Ich habe so manches Mal erlebt, dass Vorstellungsgespräche beim gemeinsam Zocken an der Playstation geführt wurden.“

Eher unwichtig sei dagegen das Gehalt. „Leute, die in einem jungen Unternehmen anheuern, akzeptieren, dass sie solange weniger verdienen als Kollegen in großen Firmen, bis sich das Start-up etabliert hat. Es ist eine Art Versprechen auf die Zukunft.“

Ein Versprechen, mit dem sich natürlich nicht alle Berufsanfänger zufrieden geben. Diejenigen gezielt zu erreichen, die sich darauf einlassen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe für die Personalverantwortlichen eines Start-ups.

„Wenn sich ein Start-up auf die Suche nach neuen Mitarbeitern macht, sind meiner Erfahrung nach Hochschulen, Jobmessen oder andere uninahe Veranstaltungen die besten Anlaufstellen“, sagt der Start-up-Berater Andreas Herzog. Viele Studenten seien bei den Einstiegsgehältern flexibler und sehnten sich zudem nach einer Aufgabe, nach Wahrnehmung und Bedeutung, statt nach einem Nine-to-five-Job als Rädchen im Konzerngetriebe.

„Wer einmal Blut geleckt hat, wird ein super Mitarbeiter“

Wichtig ist auch: Anders als Berufstätige, die bereits eine eigene Familie und somit finanzielle Verpflichtungen haben, können die meisten Absolventen auch damit leben, dass ein gewisses Risiko besteht, dass ihr Arbeitgeber in den kommenden Monaten oder Jahren scheitern könnte.

Andreas Herzog rät Gründern dazu zukünftige, potentielle Mitarbeiter bereits als Studenten über Praktika oder als Werkstudenten an das Unternehmen zu binden: „Wer einmal Blut geleckt hat, wird ein super Mitarbeiter nach dem Studium. Dabei ist es wichtig, die jungen Leute wirklich einzubinden und ihnen verantwortungsvolle Aufgaben zu überlassen. Diese Erfahrung prägt und kommt in den ersten Berufsjahren im Konzern oder bei großen Mittelständlern so gut wie nicht vor.“

Auch die Gründer von Shpock sind zurzeit wieder auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. Das 65-köpfige Team soll um 25 neue Angestellte wachsen. Jede Menge Partien Dodgeball also, die da in den kommenden Monaten anstehen.