Zwei Nonprofit Start-ups organisieren Programmierkurse für Flüchtlinge. Damit ermöglichen sie nicht nur deren Integration, sondern helfen auch der IT-Branche.

Die Idee zu “Refugees on rails” kam Anne Kjaer Riechert beim Anblick eines gut gefüllten Schwimmbeckens.  Die gebürtige Dänin war zu Besuch in einem Berliner Flüchtlingsheim und was sie vor sich sah, gefiel ihr nur bedingt: „Im Becken lagen große Mengen gespendeter Kleidungsstücke, Bücher und Schuhe – die Leute hatten es gut gemeint und sich großzügig gezeigt, aber war das wirklich das, was die Flüchtlinge brauchten?”

Riechert, eine 33 Jahre alte Wirtschaftsberaterin, hatte ihre Antwort schnell gefunden. Sie lautete Nein. Mit Sorge überlegte sie, wie es für die Betroffenen weitergehen würde, wenn die erste Schwemme an Hilfsbereitschaft verebbt sein würde. „Das Materielle ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein”, sagt die Wahl-Berlinerin, „um sich wirklich eine Zukunft aufzubauen, benötigen die Flüchtlinge aber vor allem eine relevante Berufsausbildung und ein lokales Netzwerk, so dass sie in Deutschland arbeiten können.“

43.000 offene IT-Stellen

Gebraucht würden sie. Laut Branchenverband Bitkom gibt er hierzulande 43.000 offene IT-Stellen. Unternehmen, vor allem Start-ups, suchen händeringend nach Softwareentwicklern. „Gerade aus Syrien kommen hochkompetente Leute, teilweise sogar mit bereits begonnenen IT-Ausbildungen. Soll dieses Können einfach brach liegen?“, fragt Anne Riechert.

Sie begann in einer groß angelegten Aktion alte Laptops zu sammeln und gründete eine Schule, an der ausgewählte, von der Agentur für Arbeit empfohlene Flüchtlinge, Unterricht im Programmieren bekommen: „ Wir fangen mit einem Intro-Tag an, danach folgen ein dreimonatiger Kurs mit einem Unterrichtstag pro Woche und zwei Tagen Projektarbeit in der Gruppe unter der Leitung von Mentoren.“  Die darauffolgenden Monate verbringen die Flüchtlinge als Praktikanten in Unternehmen, die, so Riecherts Ziel, diese im besten Fall übernehmen, sobald deren Aufenthaltsstatus geklärt ist. „Am Ende haben sie durch ´Refugees on rails´ zwar keinen offiziellen Abschluss, aber ein großes Portfolio an Arbeitsproben, was gerade bei Start-ups ein wichtiges Einstellungskriterium für neue Mitarbeiter ist.“

CodeDoor kooperiert mit amerikanischer Online-Uni

Auch abseits der Hauptstadt arbeiten Gründer daran, aus dem Bedarf der einen die Zukunft der anderen zu gestalten. Der 39-Jährige Gießener Karan Dehghani ist Initiator von “CodeDoor”, einem Nonprofit Start-up, das, wie “Refugees on rails”, Flüchtlinge zu Programmierern ausbildet.

Die Testzeit, in der eine Handvoll Flüchtlinge in Gießen ausgebildet wurde, ist gerade zu Ende gegangen. Karan Dehghani und sein Partner Nicolas Ritouet, ein französischer Softwareentwickler aus Berlin, befinden sich jetzt in der Skalierphase und haben dafür niemand geringeren als Sebastian Thrun mit ins Boot holen können. Der ehemalige Stanford-Professor und Vizechef von Google wird CodeDoor eine unbegrenzte Anzahl von Stipendien für seine 2011 gegründete Online-Universität “Udacity” zur Verfügung zu stellen, deren Besuch normalerweise 200 Dollar im Monat kostet. Allein bis März sollen dreihundert Bewerber starten können. „Diese Stipendien stellen wir sowohl Flüchtlingen als auch anderen interessierten Bürgern zur Verfügung, die sich für das Programm eignen“, sagt Dehghani.

Fachwissen und Integration

Abhängig von der Lern-Geschwindigkeit dauern die Kurse sechs bis zwölf Monate, einfache Englischkenntnisse reichen für die Teilnahme aus Am Ende erhalten die erfolgreichen Absolventen ein sogenanntes Nanodegree, das auch bei großen Unternehmen wie Google und Facebook ein hohes Ansehen genießt.

Damit die Flüchtlinge nicht alleine lernen müssen, werden sie in Räumen des Social Impact Labs arbeiten, einer Art Gründerzentrum für soziale Start-ups – unter anderem in Berlin und Frankfurt. So können sie schon während der Ausbildung Kontakt zu zukünftigen Chefs und Kollegen aufbauen: „Das ist uns besonders wichtig, denn nicht nur das Fachwissen spielt eine Rolle“, sagt Dehghani, „sondern auch die Integration, das tägliche Miteinander, die Begegnung.“

Wenn alles gut läuft, ergeben sich so konkrete Stellen für die Absolventen. „Wir haben bereits die Zusage einiger potentieller Arbeitgeber, die sich vorstellen können talentierte Flüchtlinge zu übernehmen.“

Branchenverband begrüßt die Projekte

Und auch Bitkom-Präsident Thorsten Dirks begrüßt dieses Engagement: „Viele der Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und motiviert. Sie wollen aktiv werden und arbeiten, sie wollen ihre neue Chance nutzen – und wir sollten diese Chance auch nutzen. Die Aus- und Weiterbildung gerade für IT- und sonstige technische Berufe ist eine wichtige Aufgabe, die wir jetzt angehen sollten. Darum unterstützen wir einen schrittweisen Einstieg in den Arbeitsmarkt über Praktika oder Traineeships.“