Der Onlinehändler startet nun auch in Deutschland eine Seite für Start-up-Produkte. Die Gründer hoffen auf 304 Millionen potentielle Kunden.

Von Elisa von Hof

Wenn Amazon seine Produktpalette um eine exklusive Plattform für Start-ups ausweitet, dann wird das erstmal unter Verschluss gehalten. Man wolle einen neuen Service für junge Unternehmen anbieten, hieß es, und das klang ziemlich geheimnisvoll. Sogar so geheimnisvoll, dass nicht einmal alle teilnehmenden Start-ups die neue Seite zu Gesicht bekamen, bevor sie gestern Abend in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Launchpad nennt Amazon diese Plattform, auf der ab jetzt innovative Produkte deutscher und weltweiter Start-ups angeboten werden. In den USA, Großbritannien und China ist der Dienst bereits im vergangenen Jahr gestartet und zwar „ziemlich erfolgreich“, wie der für das deutsche Angebot zuständige Direktor Markus Schöberl sagt. Jetzt ist der deutsche Markt dran.

Unterstützung beim Markteinstieg

Als Schöberl die Bühne betritt, erzählt er erstmal etwas aus seinem eigenen Leben. Storytelling also. Wie wichtig das sei, betont er auch im Anschluss immer wieder. In der Uni, vor sechzehn Jahren, habe er selbst mit zwei Kommilitonen eine Geschäftsidee umsetzen wollen. Die drei schrieben einen Businessplan, nahmen an einem Gründerwettbewerb teil und zogen fünfstellige Investorengelder an Land. Alles lief bestens. „Aber dann haben wir gemerkt, dass uns der schwierige Teil erst noch bevorsteht: auf den Markt zu kommen“, sagt Schöberl. Diese Hürde haben die drei mit ihrem Start-up nicht genommen, sie haben sich getrennt.

Genau diese Erfahrung habe ihm gezeigt, wie wichtig es sei, Start-ups genau dort zu unterstützen – beim Markteinstieg. Um den Gründern diesen zu erleichtern gibt es jetzt Launchpad. „Damit bieten wir Start-ups nicht nur eine Startrampe, sondern gleichzeitig die Zündung für ihren Raketenstart“, sagt Schöberl. Und der sieht so aus: Auf Launchpad können sich Start-ups vorstellen, Fotos und Videos einbinden, ihre Produkte erklären und natürlich verkaufen. Alles sehr puristisch, modern aufbereitet, aber auch der typische Amazon-Stil fehlt nicht. „Ein netter Look and Feel“, wie Schöberl es nennt.

Launchpads Start-ups sollen von Amazons Reichweite profitieren, vom globalen Logistiknetzwerk, vom Marketing, das ihre Produkte auf der Amazon-Startseite und bei Produktempfehlungen platzieren kann. Auch das Risiko im Falle von Zahlungsausfällen und Lieferschwierigkeiten wird vom Internetgiganten übernommen. Aber nicht umsonst. „Dafür bieten wir ja auch einiges“, sagt Schöberl und es klingt ein bisschen wie eine Rechtfertigung: Für seinen Service will Amazon nämlich fünf Prozent pro verkauftem Artikel – zusätzlich zu den generellen Plattformgebühren, die denen seiner Tochterseite Market Place entsprechen. Dort zahlen Verkäufer je nach Produktart eine Gebühr von sieben bis fünfzehn Prozent pro Artikel sowie eine monatliche Festgebühr.

304 Millionen Kunden aus 189 Ländern

Eines der Start-ups, die auf dem deutschen Launchpad von jetzt an vertreten sind, ist das Münchner Start-up Bragi. Mit seinem Produkt, den smarten, schnurlosen In-Ear-Kopfhörern „The Dash“, die nicht nur Musik abspielen und streamen, sondern auch Herzfrequenz und Schrittzahlen messen, hat das Start-up 2014 eine der erfolgreichsten Crowdfundingkampagnen Europas geschaffen. Amazons Launchpad soll die sogenannten „Hearables“ jetzt weltweit vertreiben. Also „global von Tag eins an“, wie Schöberl zuvor seinen neuen Service umwarb. Marijo Sarac von Bragi sagt: „Wir wollen schneller und einfacher wachsen und das wollen wir mit den Amazon-Kunden schaffen“.

Und das sind mittlerweile einige: 304 Millionen aus 189 Ländern kaufen nach den aktuellsten Angaben des Versandhändlers über seine Plattformen – ein immenser Pool für Start-ups mit physischen Produkten. Das hat Sarac erkannt: „Weil es für Neulinge auf dem Markt sehr schwer ist, das Vertrauen von Kunden zu bekommen, hoffen wir da auf Amazon.“

Das Start-up Wileyfox kennt das. Bei der Eröffnung des britischen Launchpad-Stores im vergangenen Herbst war der Handyhersteller bereits mit von der Partie und kann eine echte Erfolgsgeschichte erzählen. Weil es durch den Amazonservice seinen Absatz an kostengünstigen Smartphones deutlich steigern konnte, ist es jetzt auch beim Start der deutschen Plattform dabei. Es hoffe hier natürlich auf den gleichen Erfolg. Und das muss es auch ein bisschen: Wileyfox setzt ausschließlich auf den Online-Handel – Amazon zu ignorieren wäre da vermutlich unmöglich.

Von der Haustierkamera bis zum Handy

Wie viele Start-ups schon jetzt auf Amazons Launchpad vertreten sind, wird nicht beantwortet. Ein Blick auf die frisch gelaunchte Seite zeigt: 365 Ergebnisse, von der Haustierkamera, über die Wetterstation fürs Handy bis hin zum koffeinhaltigen Kakao. Die Auswahl hat Amazon zusammen mit seinen Partnern getroffen, Venture-Capitalisten, Acceleratoren, Crowd-Funding-Anbietern. Dazu zählen der High-Tech-Gründerfond, das Spinlab, Andreessen Horowitz und andere. „Wir vertrauen auf die Empfehlungen unserer Partner und Startups können sich auch direkt bei uns online bewerben“, sagt Schöberl. Wie viele Start-ups Amazon unter seine Fittiche nehmen will, wird nicht gesagt. Gründer sollen sich erstmal bewerben und Amazon online ihre Geschichte erzählen.