Woran, glauben Sie, liegt es, dass diese Hürden nicht längst abgebaut wurden?
Cramer: Es gibt einfach noch zu wenige Gründerinnen in Deutschland, zu wenige Vorbilder. Die Start-up-Szene hat sich ja erst seit 2005 richtig entwickelt, und Frauen waren da bisher in der Unterzahl. Das ändert sich langsam, aber genau deswegen müssen wir jetzt auch gründenden Müttern bessere Chancen ermöglichen.
Von Hardenberg: Und wer sollte das ändern, wenn nicht wir? Wir sind ja mit unseren Start-ups angetreten, um Märkte zu disrupten, um mit neuen Geschäftsmodellen die alte Wirtschaft zu revolutionieren. Und das wollen wir jetzt auch mit dem alten Familienmodell machen. Das muss neu gedacht werden. In Amerika, Schweden oder Frankreich ist es doch auch völlig normal, dass du vier Wochen Mutterschutz hast und dann zurück in deinen Beruf kommst. Und dort gibt es auch vernünftige Betreuungsmöglichkeiten. Da hängt Deutschland noch zu weit hinterher.
Cramer: Gleichzeitig beschweren wir uns in Deutschland über die niedrige Geburtenrate. Aber wir tun auch nicht genug, um Müttern das Leben zu erleichtern. Es braucht eine andere Diskussion, einen Rückhalt in der Gesellschaft für eine Veränderung. Da geht es nicht um Vollzeitmutter versus vollzeitarbeitende Mutter, sondern darum, alle Wege zu unterstützen.
Von Hardenberg: Das soll auch kein Männer-Bashing sein oder eine neue Feminismus-Debatte. Es geht einfach um Liberalität, dass jede Frau machen kann, was sie will.

„Unsere Lage ist viel herausfordernder“

Aber sind Sie als Gründerinnen nicht in einer komfortablen Situation? Sie können sich die Zeit frei einteilen, die Tagesmutter einfach mit ins Büro nehmen.
Cramer: Das ist natürlich das Großartige an der Selbstständigkeit. Wir können selbst entscheiden, wie wir diese Situation lösen. Dessen bin ich mir schon bewusst. Worum es uns aber geht, ist, genau das anderen zu ermöglichen, deswegen führen wir ja die Debatte über Kindergarten, Kinderladen, Kinder-was-auch-immer. Wir wollen dafür kämpfen, dass die Mitarbeiterin im Controlling, die keine Gründerin ist, genauso ihren Familienwunsch und ihren Berufswunsch verbinden kann.
Von Hardenberg: Ich sehe es nicht so, dass wir in einer komfortableren Lage sind.
Cramer: Echt?
Von Hardenberg: Ich glaube, dass es eigentlich schwieriger ist, weil es herausfordernder ist, weil wir uns anders mit der Thematik auseinandersetzen müssen. Ich war selbst angestellt und da ist der Weg sehr vorbestimmt. Ich weiß: Sechs Wochen vorher bin ich raus und dann kann ich bis zu zwei Jahre Elternzeit machen. Da muss ich mir keine Gedanken drüber machen. Unsere Situation verlangt uns andere Dinge ab. Da geht es nicht nur um den finanziellen Aspekt, ob ich mir eine Nanny leisten kann oder nicht, sondern um ein Gesamtkonstrukt. Und da fühle ich mich nicht privilegiert. Ich glaube, dass beides Vor- und Nachteile hat.

Frau Cramer, Frau von Hardenberg, vielen Dank für das Gespräch.