Der Hausgerätehersteller greift beim insolventen Münchener Start-up Agrilution zu. Die Ernte soll das ursprüngliche Team selbst einfahren. 

Es sprießt wieder Hoffnung für das Vertical-Farming-Start-up Agrilution: Nach einer gescheiterten Finanzierungsrunde machen die Münchener nun unter dem Dach des Hausgeräteherstellers Miele weiter. Die Unternehmensgruppe sichert sich die Marke sowie Know-how und Vermögenswerte aus der Insolvenz heraus. Auch das Team soll größtenteils übernommen werden.

Das 2013 gegründete Nachwuchsunternehmen hat seine Indoor-Gewächshäuser erst im März auf den Markt gebracht. Das Konzept des Vertical-Farming-Angebots: Die Pflanzkästen im Kühlschrank-Format sollen automatisiert für regelmäßige Ernte sorgen – zum Beispiel Salate oder Kräuter lassen sich damit in der Küche anbauen. Saatmatten, LED-Licht und ein Bewässerungssystem sollen die passenden Bedingungen schaffen. Wann die Ernte soweit ist, verrät eine App. Den Boden für die Pflanzen stellen die Münchener selbst her und verwenden dafür Textilreste. Konkurrenten sind etwa das Berliner Start-up Infarm, Neofarms mit Sitz in Hannover oder Viemose aus Tommerup in Dänemark.

Anschub für den Vertrieb

Miele sieht in der Übernahme die Chance, das eigene Angebot an Hausgeräten aufzuwerten: „Mit Blick auf kreatives Kochen und bewusste Ernährung eröffnen die Plantcubes den Menschen spannende neue Möglichkeiten“, lässt sich Gernot Trettenbrein, Geschäftsführer von Miele Venture Capital, in einer gestern veröffentlichten Pressemitteilung zitieren. Der Konzern glaube an eine langfristige Zusammenarbeit mit den beiden Gründern Maximilian Lössl und Philipp Wagner sowie ihrem Team aus 30 Mitarbeitern.

Die Gründer, die auch Geschäftsführer bleiben, erhoffen sich vom Konzern insbesondere Unterstützung für den Vertrieb: Mit Miele könne Agrilution das Geschäftskonzept technisch wie auch in der Vermarktung enorm weiter nach vorn bringen, lässt sich Wagner zitieren. Das Insolvenzverfahren läuft seit dem 1. Dezember, den Antrag hatte das Start-up Ende September beim Amtsgericht München gestellt.

Auch Osram und Tengelmann Ventures beteiligt

Die Zukunftslösung: Im Zuge eines sogenannten Asset Deals gehen die Vermögenswerte der ursprünglichen Gesellschaft nun auf die neue Firma Agrilution Systems über, an der Miele Venture Capital 100 Prozent der Anteile hält. Zur Höhe des Investments machte das Gütersloher Familienunternehmen keine Angaben. Zu den früheren Kapitalgebern des Farming-Start-ups gehören der Lichtkonzern Osram, der 2017 über seine Venture-Capital-Einheit Fluxunit eine strategische Minderheitsbeteiligung erworben hat. Beteiligt waren auch Tengelmann Ventures und Kraut Capital.

Ob in der Küche oder im Waschkeller: Als Start-up-Investor zeigt sich die Miele-Gruppe mit weltweit 20.200 Mitarbeitern aktiv. So gehört dem Konzern mit eigener Venture-Capital-Einheit inzwischen auch die Mehrheit am Kölner Start-up Waschmal, wie „Deutsche Startups“ zuerst berichtete. Die 2016 gegründete Firma tüftelt an einem Lieferdienst für die Textilreinigung. Das Geschäftsfeld ist derzeit hart umkämpft: Im September hat der Berliner Rivale Jonny Fresh das Deutschlandgeschäft des Rocket-Internet-Unternehmens Zipjet übernommen, das mit dem britischen Wettbewerber Laundrapp verschmolzen ist.