Speicher-Spezialisten der RWTH Aachen wollen mit ihrer Software mehr Informationen aus Batteriezellen gewinnen. Das Interesse ist groß. Jetzt steigen die ersten Investoren ein.

Der Datenspeicher ist schon gut gefüllt: 200.000 Batteriemodule werden heute bereits von der Software von Accure verwaltet – dabei wurde das Büro erst in diesem Jahr offiziell gegründet. Doch das Gründerteam forscht schon lange an dem sinnvollen Aufbereiten von Informationen aus dem Innenleben einer Batterie. Kai-Philipp Kairies, Georg Angenendt und Johannes Palmer haben am Lehrstuhl für Elektrochemische Energiewandlung und Speichersystemtechnik der RWTH Aachen promoviert – einer weltweit führenden Forschungseinrichtung für Batteriesysteme.

In zahlreichen Beratungsprojekten haben die Gründer daher bereits mehrere Jahre lang mit Autoherstellern oder Energiekonzernen zusammengearbeitet. Zahlreiche Branchen stellen auf elektrische Antriebe um, die Entwicklungen in der Batterietechnik sind rasant, wie gerade auch die Aufregung rund um den „Battery Day“ von Elektroautohersteller Tesla zeigte. Doch die Datenlage für die Ingenieure ist oft schwammig: „Die Probleme sind im Einzelnen zwar sehr unterschiedlich, aber sie basieren alle auf einem Mangel an Informationen und Daten“, sagt Kairies im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer.

Accure will Licht ins Dunkle bringen. Aus kleinen Chips, die standardmäßig in jeder Zelle verbaut sind, können Informationen über Zustand und Kapazität der Batterie übertragen werden. Dazu kommen weitere Datenquellen, etwa aus Labortests. „Eine cloudbasierte Plattform macht das Auswerten großer Datenmengen überhaupt erst möglich“, sagt Kairies. „Und auf Basis unserer Analysen optimieren wir die Speichersysteme unserer Kunden.“

Analysen verlängern die Lebensdauer

Je nach Einsatzzweck können die Ingenieure der Accure-Nutzer so weiterplanen: Lohnt es sich, die Ladezyklen für ein Produkt zu verändern? Oder versucht man gar, die Konstruktion der nächsten Version batterieschonender zu bauen? Um bis zu 25 Prozent könne man durch die Erkenntnisse der Software die Lebensdauer einer Zelle steigern, verspricht das Start-up. Hilfreich seien die Daten auch, damit sich Zusatzleistungen wie ein Leasing- oder Vermietungsgeschäft rechnen, so Mitgründer Kairies: „Dafür muss man relativ gut verstehen, wie etwas funktioniert“.

Eine mögliche Konkurrenz durch Batteriehersteller selbst sieht Kairies dabei nicht. Hier herrscht gerade aktuell wieder ein erbitterter Kampf um neue Fortschritte, was Speicherkapazität und Ladezyklen angeht. „Die liefern aus Sicht ihrer Kunden keine neutralen Bewertungen“, sagt der Gründer, „man möchte ja eine Lösung, die einen objektiven Vergleich ermöglicht.“ Mit einem ähnlichen Ansatz für eine herstellerübergreifende Batterie-Analyse tritt auch das Münchener Start-up Twaice an.

Investoren laden Geld und Know-how auf

Die ersten Kontakte zu – bislang ungenannten – Kunden ergaben sich für Accure aus dem globalen Batteriespeicher-Netzwerk, in dem die Gründer seit Jahren unterwegs sind. Nun sollen Investoren dabei helfen, mit der Software zu skalieren. Die Frühphasen-Investoren Capnamic Ventures aus Köln und 42Cap aus München beteiligen sich mit insgesamt 2,3 Millionen Euro an dem Aachener Start-up. Die Batterie-Infrastruktur sei ein Meta-Markt, der vergleichsweise noch am Anfang stehe, sagt Capnamic-Partner Olaf Jacobi: „Für die Entwicklung dieses Marktes ist ein Unternehmen wie Accure essenziell“.

Umgekehrt erhofft sich das Start-up durch die neuen Gesellschafter wertvolle Hilfe beim Aufbau von Marketing, Vertrieb oder eine Internationalisierungs-Strategie. Capnamic ist unter anderem an B2B-Software-Start-ups wie den Baustellen-Organisatoren Capmo oder dem Software-Navigator Userlane beteiligt. „Da sehen wir auch abseits der Finanzierung einen riesigen Wert in unseren Investoren“, sagt Kairies. Das aktuell zwölfköpfige Team soll nun in den nächsten Wochen und Monaten stark anwachsen – der Ausgangspunkt bleibt Aachen: „Wir sehen die Stadt als Standortvorteil – sie ist eines der weltweit renommiertesten Batterieforschungszentren“, so Kairies.