Ob Diebstal im Supermarkt oder Sturz im Wohnzimmer: Forscher aus Sachsen wollen Sensoren auf den Markt bringen, die neue Einblicke ermöglichen – und Problemfälle eigenständig erkennen. 

Eine zukünftige Alternative für Kaufhausdetektive und Sicherheitspersonal: Das Chemnitzer Start-up 3dvisionlabs entwickelt Sensoren, die in Zukunft dabei helfen sollen, automatisiert Räume zu überwachen. Um einen Prototyp bis zum Sommer zur Marktreife bringen zu können, sichert sich die junge Firma eine hohe sechsstellige Summe vom EU-geförderten Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS). Die drei Gründer Lars Meinel, Michel Findeisen und Markus Heß wollen mit dem frischen Kapital bis Jahresende ein Team aus zehn Personen aufbauen, wie Geschäftsführer Meinel im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer erklärt. Die genaue Investitionssumme nennt er nicht.

Mit den Sensoren des Start-ups experimentiert bereits eine Bank in Karlsruhe und ein Supermarkt in Berlin. Wie ein kleiner Beamer mit drei Objektiven sehen die Geräte aus, mit denen sich etwa der Eingangsbereich eines Supermarktes überwachen lässt. In Berlin testet das 2017 gegründete Unternehmen derzeit, wie gut sich mit seinen Geräten bereits der Inhalt von Einkaufswägen überprüfen lässt. Die junge Firma wirbt damit, dank der drei verbauten Kameras nur einen einzigen Sensor pro Raum einsetzen zu müssen und damit insgesamt kostengünstigere Lösungen entwickeln zu können.

Einsatz zunächst in der Forschung

Interesse bekundet haben laut Geschäftsführer Meinel bislang vor allem Forschungsinstitute, Universitäten und Einzelhändler, die sich mit Möglichkeiten der Datenanalyse beschäftigen. In Zukunft sei denkbar, selbst komplexe Anwendungen wie kassenloses Einkaufen im Supermarkt zu ermöglichen: Die Kameras erfassen, welche Produkte ein Kunde aus dem Regal nimmt und rechnet automatisch über ein Online-Bezahlsystem ab. Auf diesem Gebiet macht sich gerade unter anderem der Online-Versandriese Amazon stark. Die Forscher aus Sachsen wollen mit ihrer Technologie zumindest einen Beitrag zu künftigen Lösungen leisten: „Perspektivisch ist unser Ziel im Retail-Bereich, ganze Geschäfte mit geringem Kostenaufwand abdecken zu können“, sagt Gründer Lars Meinel zu WirtschaftsWoche Gründer.

Im Inneren des Gerätes wertet eine Software die erfassten Daten wie etwa Koordinaten und 3D-Bilder aus. Am Beispiel der Sturzerkennung, mit der die Wissenschaftler an der Uni in Chemnitz gestartet sind, funktioniert das so: Ein selbstlernender Algorithmus wird zunächst darauf trainiert, einen Menschen im Raum zu erkennen, danach verfolgt er dessen Haltung anhand der Positionen von Körperteilen und der Sil­hou­et­te. Will er einen Sturz erkannt haben, sendet das Programm etwa per SMS oder Smartphone-App ein Alarmsignal. Technisch sei dieser Anwendungsfall bereits umsetzbar, so der Firmengründer. Derzeit warte das Unternehmen allerdings noch auf Zertifizierungen, um mit der Lösung am Markt starten zu können.

Hohe Anforderungen an den Datenschutz

Die möglichen Einsatzgebiete zum Beispiel zuhause im Wohnzimmer greifen weit in die Privatsphäre ein. Deshalb verzichtet 3dvisionlabs für einen besseren Schutz der Daten auf eine Cloud-Lösung und verarbeitet die Daten lediglich lokal auf dem einzelnen Gerät. Das heißt: Zumindest die rohen Bilddaten gelangen nicht ins Netz. Auf der anderen Seite bedeute das auch höhere Preise bei der Hardware, weil auf dem Gerät eine höhere Rechenleistung nötig sei, sagt der Geschäftsführer.

Die lange Entwicklungsdauer für das Produkt habe viele Investoren im Vorlauf der Seed-Finanzierungsrunde abgeschreckt, so Meinel. Unterstützung gab es für die Gründer bisher durch das Exist-Stipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Mit dem zusätzlichen finanziellen Anschub durch den TGFS kommt das Start-up laut Geschäftsführer Meinel nun für zwei bis drei Jahre über die Runden.

Konkurrenten haben sich zum Beispiel in Wien angesiedelt: Um einen kontaktlosen Sturzsensor weiterzuentwickeln, erhielt das Start-up Cogvis vor einem Jahr 700.000 Euro von Investoren. Ziel ist, sich auf dem Pflegemarkt zu etablieren. Ebenfalls von Wien aus tüftelt Anyline an einer Software, die Unternehmen bei der Bilderkennung helfen soll – indem sie Videostreams analysiert. Erst im Januar flossen dafür zwei Millionen Euro an die junge Firma. Mit Hilfe von Nachrüstkameras verwandelt dagegen Oculyze herkömmliche Smartphones in Mikroskope und liefert eine Analyse-Software mit. Das Start-up mit Sitz in Wildau bei Berlin konnte sich damit Anfang März eine siebenstellige Finanzierung sichern.