Apps von Studierenden für Studierende – das funktioniert gut. Schließlich kennen die Leidensgenossen die Probleme der Mitstudenten am besten.

Von Johanna Küppers

Jeder besitzt es, jeder nutzt es – im Alltag ist das Smartphone bei Studierenden nicht mehr wegzudenken. Das Entwickeln von Apps ist beliebt, es gibt immer mehr Hilfsmittel, die das Studentenleben erleichtern und auch außerhalb der Universität werden viele nützliche Gadgets angeboten. Das macht Sinn: Denn wer kennt die Probleme von Studierenden besser als sie selber? Eine Auswahl.

Ein gutes Beispiel dafür ist die App „Flatastic“. Eine Anwendung, die sich mit dem Kern des Studentenlebens beschäftigt: der Wohngemeinschaft. Ziel der drei Gründer Clemens Bachmair (27), Moritz Von Hase (27) und Malik El Bay (26) ist es, die Kommunikation in Wohngemeinschaften zu verbessern. Gerade wenn mehrere Menschen auf engem Raum zusammen wohnen, redet man schnell aneinander vorbei. Selten sind alle Mitbewohner zu Hause, manche fahren über das Wochenende in die Heimat. Knackpunkte wie Einkaufskosten gerecht aufteilen oder den Putzplan einhalten können schwer nachgehalten werden. Bei der Entwicklung der App zehrten die Gründer von ihren eigenen Erfahrungen: So verbrachte Bachmair regelmäßig lange Abende am Küchentisch mit Abrechnungen; bei El Bay kam es sogar soweit, dass ein Mitbewohner auszog. Grund war der Streit mit einer Mitbewohnerin wegen des Putzplanes. Die Studenten sind der Meinung, diese Zeit könne man besser nutzen. „Das muss doch nicht sein. Wir wollen die Wohnungspartner zusammen bringen. Gemeinsame Abende in der WG sind sowieso selten und sollten nicht verschwendet werden, weil man Organisatorisches klären muss“, sagt Mitbegründer El Bay.

Deshalb haben die drei Akademiker Flatastic entwickelt: In der virtuellen Wohngemeinschaft können alle Aufgaben verfolgt werden. Ausgangspunkt ist eine Pinnwand. Dort kann jeder Mitbewohner eine Nachricht hinterlassen, alle anderen können sie lesen. Zusätzliche Features sind ein automatisch rotierender Putzplan mit Erinnerungsfunktion und ein Finanzierungssystem, das die Einkäufe direkt miteinander verrechnet. So soll keine Zeit durch Diskutieren verschwendet werden.

Die Idee startete als Hobbyprojekt, mittlerweile kann das Unternehmen 50.000 Downloads verbuchen. Bis jetzt wurde das Start-up durch Agenturaufträge finanziert, bald soll es sich selbst tragen können. Ein weiterer Plan: Die App soll nicht nur von Studierenden genutzt werden, sondern auch von Familien. „Generell sollte Flatastic in jedem Haushalt existieren, das ist unsere große Vision“, sagt El Bay. Die Konkurrenz auf dem Markt ist übersichtlich, es gibt einige Nebenbuhler aus den Staaten. Dennoch sind die drei Gründer optimistisch, dass sich ihr Unternehmen durchsetzen wird.

Generell habe man gute Chancen auf Erfolg, wenn man das Projekt geschickt umsetze, sagt Eva Lutz, Inhaberin der Riesner-Stiftungsprofessur für Entrepreneurship und Leiterin des CEDUS (Center for Entrepreneurship Düsseldorf). „Große Konkurrenz gibt es auf dem Markt der Studierendenhilfsmittel nicht unbedingt. Dafür ist er aber auch sehr spannend. Schließlich sind Studierende genau die Personen, die täglich mit Apps arbeiten.“ Dass der Alltag oft mit Hilfe von zusätzlichen Apps gemeistert wird, zeigt eine Studie der Online-Plattform Statista. Nach deren Angaben benutzen rund 75 Prozent der Smartphonenutzer in Deutschland sogenannte zusätzliche Apps, also Anwendungen neben der typischen Software wie Soziale Netzwerke und E-Mail-Accounts.

Auch Tim Reichel, Fachstudienberater an der RWTH Aachen, hat während seiner Arbeit eine Lücke entdeckt und diese mit seiner Geschäftsidee gefüllt. Mit „Studienscheiss“ bietet Reichel eine Anlaufstelle für Studierende mit rechtlichen Problemen. Er verspricht, dass sein Angebot im Gegensatz zum üblichen Weg nicht langweilig, kompliziert und teuer sein soll. „Dabei gibt es drei Eskalationsstufen. Unsere erste Stufe ist die Selbsthilfe: Auf meiner Website verfasse ich nützliche Artikel, aus denen Studenten einiges mitnehmen können. Als zweites bieten wir vorgefertigte Formulare an, die in typischen Konflikten mit der Prüfungsordnung verwendet werden können. Wenn es hart auf hart kommt, bieten wir in der dritten Stufe eine Anwaltsvermittlung an“, sagt der Geschäftsführer.

Der Fokus liegt ganz klar auf dem Verkauf der fertigen Formulare. Möchte man sich beispielsweise von einer Prüfung abmelden, sich aber nicht durch den Dschungel der Unibürokratie schlagen, so kann man sich bei Studienscheiss für 3,50 Euro ein vorgefertigtes Formular runterladen, ausfüllen und abschicken. Laut Reichel dauert dies alles etwa fünf Minuten. Der große Vorteil an den Formularen ist, dass man bereits fertige Begründungen mit dem Produkt geliefert bekommt.

„Wir wollen den Studierenden die Angst vor der Bürokratie nehmen und mit ihnen ebenbürtig kommunizieren. Jeder Student hat mindestens einmal in seinem Studium Probleme mit der Prüfungsordnung – dann sind wir zur Stelle“, so der 27-jährige. Als weiteres Ziel möchte der Jungunternehmer neben seiner Website auch ein Produkt für die Appstores auf den Markt bringen. Dabei ist es ihm besonders wichtig, immer im Kontakt mit seinen Kunden zu sein. Feedback sei für ihn sehr wichtig und bringe ihn auf neue Ideen.

Eva Lutz findet dieses Verhalten genau richtig. Es sei wichtig, sich eine konstruktive Rückmeldung der Kunden zu holen. „Viele Studententeams treten ihr Projekt an, wollen alles direkt ausfeilen und Details planen. Doch ich rate immer erst einmal einen Prototyp zu entwerfen, sich Meinungen von Fremden einzuholen und dann mit dieser Kritik das Produkt weiterzuentwickeln“, so Lutz. „Kunden schätzen das Produkt ganz anders ein, sie sind unvoreingenommen und ehrlich. Außerdem bekommt man so einen Überblick über den Markt und die Erkenntnis, ob das Produkt sinnvoll ist“, sagt die Inhaberin der Riesner-Stiftungsprofessur.

Zwei weitere Probleme bei der Unternehmensgründung seien die Kommunikation im Team und die Finanzierung. „Oft funktioniert die Kommunikation im Team nicht gut, weil nicht alle an einem Strang ziehen. Manche sehen auch zu schnell das Geld vor ihren Augen und verlieren sich in frühen Verteilungskriegen“, so Lutz. Zudem spielt, gerade bei Studierenden, die Frage der Finanzierung eine wichtige Rolle. Meistens soll das Projekt so gut wie nichts kosten. „Viele Gründerteams gehen etwas zu optimistisch an die Gründung heran. Sie sind so überzeugt von ihrer Idee, dass sie direkt von hohen Downloadzahlen ausgehen, dann wird über Werbung und Datenverkauf nachgedacht. Aber das sind keine nachhaltigen Überlegungen, Investoren sehen das sehr kritisch“, sagt Lutz.

In puncto Finanzierung sind sich die beiden Unternehmen Flatastic und Studienscheiss einig: Der Mehrwert steht im Vordergrund, nicht der Umsatz. Die Studierenden wollen primär ihren Kommilitonen helfen. El Bay sagt: „Wir haben uns nicht vorher überlegt, in welcher Branche wir am meisten Geld machen könnten. Stattdessen haben wir uns mit unseren eigenen Problemen auseinander gesetzt und festgestellt, dass wir damit nicht alleine sind. Dann haben wir nach einer Problemlösung gesucht, nach etwas Sinnvollem eben, nicht nach einem Produkt, mit dem wir besonders viel Geld machen können.“

Neben den Unternehmen, die von Studierenden gegründet werden, gibt es eine Vielzahl von solchen, die Studierende als primäre Kunden bedienen. Eines davon ist „Readfy“. Die für iOS und Android verfügbare App bietet kostenlose E-Books an. Zurzeit sind es 40.000 Titel von etwa 900 Verlagen. Finanziert wird das Modell durch Werbung, die beim Lesen eingeblendet wird. Im Sommer soll ein zusätzliches Premiummodell kommen. Für einen monatlichen Abonnementpreis können die Kunden dann die Produkte ohne Werbung und vor allem offline lesen.

Das Freemium Geschäftsmodell ist nicht neu, man kennt es aus anderen Bereichen, beispielsweise mit „Spotify“ aus dem Musikgeschäft. Etwa 20 Prozent der User von readfy liegen in der Gruppe von 20 bis 29Jahren, viele von ihnen sind Studierende. Warum das Angebot so gerne von Akademikern genutzt wird, erklärt Miriam Behmer, Geschäftsführerin von Readfy: „Die Studenten müssen sich viele Fachbücher für ihren Unterricht kaufen und diese sind nicht günstig. In ihrer Freizeit sind sie dann sehr froh über ein kostenloses Angebot. Wir bieten also die optimale Ergänzung.“ Im Schnitt werden monatlich ein bis zwei Bücher pro Person gelesen.

Sie sind Querdenker und Pragmatiker. Mit ihrer oft anderen Perspektive auf das Geschehen haben Studierende die besten Voraussetzungen neue Produkte zu entwickeln. Probleme sehen, erkennen, lösen – so findet man die perfekte Idee für ein Start-up. Ebenso wichtig sind Studierende als Nutzer der Produkte. Anwendungen wie Flatastic, Studienscheiss und Readfy bieten einen wahren Mehrwert. Und auch wenn dabei nicht der große Umsatz im Vordergrund steht, ist es durchaus sinnvoll in die Kommilitonen zu investieren. Eines Tages werden sie es zurückgeben – schließlich sind sie die Eliten von morgen.