Wer das beste Produkt hat gewinnt? Von wegen! Investor Nicolas Wittenborn nennt in unserer Kolumne fünf Punkte, an denen Start-ups trotzdem scheitern können.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Einmal im Monat schreiben Pawel Chudzinski, Christoph Janz und Nicolas Wittenborn vom Wagniskapitalgeber Point Nine Capital, was Investoren bewegt. Point Nine hat unter anderem in Mister Spex, Kreditech oder Helpling investiert.

Von Nicolas Wittenborn

Kürzlich stieß ich auf einen Tweet unseres Freundes und Co-Investors Pietro Bezza von Connect Ventures. Darin hob er die Quintessenz dieses großartigen Beitrags hervor:

„Wir lieben Produkt-fokussierte Unternehmer, denn das Produkt gewinnt immer.“

Ich stimme zu, dass Produkte enorm wichtig sind (wir haben selbst tolle Produkt-zentrierte Unternehmen in der Point-Nine-Familie, wie Typeform, Kitchen Stories, Honey, …). Doch ich musste beim Lesen auch an all´ die schmerzhaften Fälle denken, die mich gelehrt haben, dass das beste Produkt nicht immer gewinnt. Zumindest nicht von allein.

Daher an alle auf das Produkt fokussierten Leute (inklusive mich selbst!) eine kleine Erinnerung daran, wie auch die besten Produkte verlieren können:

Vernachlässigte Netzwerkeffekte

Liquidität ist der Schlüssel für Marktplätze, soziale Netzwerke und alles andere, das von Netzwerkeffekten profitiert. Als erster eine signifikante Größe zu erreichen, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Besonders da es oft um Winner-takes-All-Märkte geht, entscheidet das Erreichen einer kritischen Masse früh über dein Erfolg oder Scheitern.  Das wird sehr schön von Messaging Apps veranschaulicht: Mit 800 Millionen monatlichen Nutzern wird es immer schwerer an dem Pionier WhatsApp vorbeizukommen.

Langsame Internationalisierung

In der heutigen vernetzten Welt werden lokale Konkurrenten auftauchen, sobald sich zeigt, dass das Geschäftsmodell funktioniert. Oder sogar schon vorher. Das dürfte in Europa sogar noch wichtiger sein, als in den USA, aber selbst dort treten Nachahmer schon in den Heimat-Markt der Pioniere ein (*hüstel* Rocket Internet *hüstel*).

Die Perfektionismus-Falle

Okay, du hast hohe Ansprüche und Erwartungen, daher soll das Produkt perfekt sein. Gut ist nicht gut genug, es muss jeden umhauen. Aber muss es das wirklich von Beginn an? Insbesondere vor dem ersten Launch gerät man leicht in die Falle, zu viel in Produkt und Design zu investieren. Vergiss nicht, dass Du noch einmal starten kannst.

Letztlich wirst du sowieso nie ein perfektes Produkt haben. Du wirst nah heran kommen aber da sich die Dynamik der Märkte und das Nutzerverhalten ständig ändern, ist es entscheidend, dich immer weiter zu entwickeln, um selbst das Tempo vor zu geben. Sei bereit, dich selbst neu zu erfinden, triff harte Entscheidungen, wenn du sicher bist, dass sie sich in Zukunft auszahlen und höre nie mit der Weiterentwicklung auf.

Schwacher Vertrieb

Die richtigen Vertriebswege herauszufinden ist der Schlüssel für das Überleben jedes Start-ups. Produkt-zentrierte Teams sind dabei besonders für Fehler anfällig. Das ist wirklich schade. Besonders da gute Produkte viel effektiver Nutzer akquirieren können als mittelmäßige, verspielen sie sich mit einem schlechten Vertrieb schnell die Chance auf überproportionale Marketingergebnisse.

Mangel an Finanzierung

Es gibt gute Beispiele für Produkt-orientierte Unternehmen, die den Weg zum Erfolg aus eigenen Mitteln finanziert haben (Basecamp, WeTransfer oder Lovoo fallen mir spontan ein). Aber für jedes von ihnen gibt es dutzende oder hunderte guter Produkte, die ein Wettbewerber mit größerer Kriegskasse vom Markt gefegt hat. Momentan könnte das zum Beispiel Einkleidungs-Diensten wie Modomoto oder Outfittery drohen, da mit Zalando ein Börsen-gelistetes Unternehmen in ihren Markt eintritt (mit dem neuen Zalon Service).

Vielleicht willst du kein Kapital aufnehmen oder brauchst es nicht– doch mindestens ein Konkurrent wird dazu bereit sein und ist damit in der Lage, viel aggresiver zu wachsen.

All das soll zeigen, dass die Schwierigkeiten nicht damit enden, das beste Produkt zu bauen. Ein großartiges Produkt gibt dir im direkten Vergleich mit Wettbewerbern zwar einen Vorteil, doch der Glaube, dass das beste Produkt automatisch gewinnt ist in kompetitiven Märkten nur Wunschdenken. Trotzdem: Wenn du ein wirklich tolles Produkt entwickeln kannst, ist das zumindest die halbe Miete. An die Arbeit!