Der Entrepreneurship-Professor Sven Ripsas fordert dazu auf, den Begriff „Existenzgründer“ zu beerdigen, das Portal „Deutsche Startups“ unterstützt den Aufruf.

Die deutsche Gründerszene ist offenbar eine Zweiklassengesellschaft. Auf der einen Seite gibt es die „Start-ups“. Wer wissen will, was darunter zu verstehen ist, sollte in den Deutschen Startup Monitor (DSM) schauen, den der Bundesverband Deutsche Startups kürzlich vorgestellt hat. Danach sind Start-ups Unternehmen, die jünger sind als zehn Jahre und außerdem eine „hoch innovative“ Geschäftsidee oder Technologie umsetzen oder ein „signifikantes Umsatzwachstum“ anstreben. Die Online-Spieleschmiede Wooga, in deren Räumen der Bericht vorgestellt wurde, ist so ein Start-up: Jünger als zehn Jahre, hoch innovativ, schnell wachsend.

Das Sushi-Restaurant nebenan, der Klamotten-Laden, die Gärtnerei – sie sind es nicht. Ihre Betreiber stehen auf der anderen Seite: Auch wenn sie erst vor ein paar Wochen eröffnet haben, im Wettbewerb um Kunden kämpfen, Risiken eingehen, so sind sie dieser Definition zufolge keine „Start-ups“. Und doch stecken Unternehmer dahinter, Gründer und eben auch: „Existenzgründer“, die gründen, um in erster Linie sich selbst eine Existenz aufzubauen.

Nun hat der Berliner Entrepreneurship-Professor Sven Ripsas, einer der Autoren des DSM, gefordert, den Begriff „Existenzgründer“ abzuschaffen. Sowohl der Bundesverband Deutsche Startups wie auch das (davon unabhängige) Portal Deutsche-Startups.de unterstützen den Aufruf.

Ripsas zufolge entstand der Begriff „ als Sozialpolitiker in den 70er bzw. 80er Jahren des 20. Jahrhunderts versuchten, Arbeitslose aus der Statistik zu bekommen.“ Mag sein, aber der Begriff hat sich davon längst entfernt. In den vergangenen 30 Jahren ist der Begriff in Deutschlands überregionalen Medien (laut Archiv) mehr als 10.000 Mal gefallen, schon 1984 schrieb der Betriebswirtschafts-Professor Horst Albach (später einer der ersten Samwer-Investoren) in der WirtschaftsWoche „Existenzgründer sind die Schumpeter-Unternehmer par excellence. Sie haben offenbar neue Ideen, die sie am Markt durchsetzen wollen.“

Der Begriff hat sich also längst verselbstständig und eingebürgert; das Bundeswirtschaftsministerium etwa fördert mit dem Programm Exist „Existenzgründungen aus der Wissenschaft“, was nicht aussieht wie der Versuch, „Arbeitslose aus der Statistik zu bekommen“.

Aber um den Begriff alleine geht es Rispas offenbar gar nicht. Viel diskutabler erscheint die Begründung, die der Entrepreneurship-Professor ins Feld führt: „Mit Existenzgründung verbunden ist der Versuch, das verloren gegangene Gehalt durch eine neue Form des Einkommens zu ersetzen. Das Schaffen von Arbeitsplätzen und neuem volkswirtschaftlichen Wohlstand aber verlangt Innovation und Wachstum.“

Das ist ziemlich kurz gedacht. Natürlich brauchen wir hoch innovative und signifikant wachsende Start-ups, damit die Technologien von morgen aus Deutschland kommen. Davon kann es gar nicht genug geben. Aber Ripsas‘ Argumentation trägt nicht dazu bei, Unternehmertum insgesamt in Deutschland populärer zu machen. Im Gegenteil. Es sendet die klare Botschaft aus: Wer nur gründet, um sich selbst seine Existenz zu sichern und eben kein „hoch innovatives“ und / oder „schnell wachsendes“ Start-up aufbaut oder aufbauen will, den brauchen wir nicht. Der ist eben nur: ein Unternehmer zweiter Klasse.

Diese Botschaft schadet der Gründerszene insgesamt und sie schadet auch den „hoch-innovativen, schnell wachsenden“ Start-ups.

Denn wenn Unternehmertum und Selbstständigkeit in Deutschland anerkannter und populärer werden sollen, dann darf es keine Unternehmer zweiter Klasse geben. Dann brauchen diejenigen, die es riskieren, sich mit einer Imbissbude selbstständig zu machen ebenso Respekt wie diejenigen, die eine Online-Plattform gründen, um solchen Imbissbuden Aufträge zu vermitteln.

Ohnehin sind die Grenzen fließend: Was ist mit dem Gründer, der seinen Job verliert, ein Café eröffnet, um seine Existenz zu sichern – und der dann irgendwann das zweite und dann immer mehr Filialen eröffnet und sich auf einmal „Start-up“ nennen darf? Der erst sein „verloren gegangenes Gehalt“ ersetzen will und dann zu volkwirtschaftlichem Wachstum beiträgt? Dass so etwas öfter vorkommt als man denkt legt eine Studie des DIW nahe.

Wie Deutschlands Start-ups die Toleranz der Gesellschaft gegenüber Scheitern und Fehlern einschätzen. Quelle: DSM 2014 (Zum vergrößern anklicken)

Wie Deutschlands Start-ups die Toleranz der Gesellschaft gegenüber Scheitern und Fehlern einschätzen. Quelle: DSM 2014 (Zum vergrößern anklicken)

Und noch etwas spricht dagegen, „Existenzgründern“ oder „Not-Gründern“ die kalte Schulter zu zeigen. Nur wenn Existenzgründer genauso respektiert sind wie Start-Up-Gründer, schnelle „Gazellen“ oder „Chancengründer“, dann kann sich etwas an der Angst vor dem Scheitern und der fehlenden Anerkennung für das Scheitern ändern.

Ausgerechnet die Start-up-Szene beklagt dieses Problem immer wieder (und zurecht!). Ganz aktuell: Laut Deutschem Startup-Monitor schätzen fast zwei Drittel der Start-up-Gründer die Toleranz der Gesellschaft gegenüber einem Scheitern als (eher) niedrig ein. Die Autoren der Studie zitieren Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Worten, dass „eine zweite Chance oder eine dritte“ auch hierzulande „etwas ganz Selbstverständliches sein“ sollte. Dazu gehört aber eben auch, „Existenzgründer“ und „Notgründer“ nicht zu verschmähen.

Sicherlich ist es sinnvoll, zwischen Gründern von hoch innovativen, schnell wachsenden Start-ups und Existenzgründern zu unterscheiden – etwa wenn es darum geht wie die Politik sie unterstützen kann. Und, nochmal: Natürlich brauchen wir innovative Start-ups, die auf schnelles Wachstum setzen und Arbeitsplätze schaffen, und es ist gut, dass es mit dem Bundesverband Deutsche Startups eine Organisation gibt, die ihre Interessen mit Nachdruck vertritt.

Trotzdem: Die „Existenzgründer“, die brauchen wir auch.


UPDATE vom 24.09., ca. 23.30 Uhr


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