Der Run auf die FinTechs ist ein neues  Phänomen: In ganz Europa entstehen immer neue Start-ups. Wo die Vorteile liegen.

Birgit Storz weiß, wie schwer es ist, bei etablierten Geldhäusern etwas zu verändern. In mehreren Großbanken hat die 39-Jährige versucht, Innovationen
voranzutreiben – und war dabei häufig der Verzweiflung nahe. “Wenn Sie eine neue Idee haben, die Teile eines bestehenden Geschäftsmodells kannibalisiert, ist deren Realisierung häufig komplex”, sagt die Commerzbank -Managerin. Zudem sei es bei großen Finanzinstituten grundsätzlich schwierig, schnell
Ressourcen und Geld für neue Themen freizuschaufeln. Storz sucht deshalb zusammen mit ihrem Kollegen Christian Hoppe das Gespräch mit dem Commerzbank-Vorstand.

2013 überzeugen sie ihn, den Main Incubator ins Leben zu rufen – eine autarke Einheit, die mit Finanz-Start-ups aus der Internet- und IT-Welt
(FinTechs) zusammenarbeitet und dabei neue Ideen aufschnappen soll. Eingerichtet wird der Brutkasten in einem Backsteinbau im Westen Frankfurts, der “Sicherheitsabstand” zur Commerzbank-Zentrale im Stadtzentrum beträgt rund drei Kilometer. Die Atmosphäre beim Main Incubator ist locker: Auf
dem Gang steht ein roter Billard-Tisch, im Kühlschrank liegen Bier und Red Bull. Anzugträger sucht man vergebens. Viele namhafte Finanzinstitute versuchen so oder ähnlich, mit Start-ups in Kontakt zu kommen. Die Geldhäuser müssen darauf reagieren, dass ihre Kunden immer mehr Geschäfte im Internet erledigen. Da ihre eigenen IT-Abteilungen im World Wide Web in den vergangenen Jahren keine großen Neuheiten entwickelt haben, hoffen sie nun auf Impulse von außen. Banken-Kritiker sind der Ansicht, dass manche Institute FinTechs auch deshalb unter ihre Fittiche nehmen, um sie besser kontrollieren zu können und ihre
eigene Existenz abzusichern. Die Investitionen in FinTechs liegen meist im niedrigen Millionen-Bereich oder darunter – und fallen bei Großbanken somit kaum ins Gewicht.

Die britische Großbank Barclays setzt auf einen “Accelerator”, die Schweizer UBS auf die Start-up-Schmiede “Level 39” und der Züricher Börsenbetreiber SIX auf den Incubator “F10”. Ende 2015 wird auch die Deutsche Bank auf den Trend aufspringen und Versuchslabore in Berlin, London und im Silicon Valley eröffnen. Diese sollen “eine Brücke zwischen Start-ups und den verschiedenen Geschäftsbereichen der Bank” bilden, erklärt Vorstand Henry Ritchotte. Dass ein Großteil der FinTechs, die in Incubatoren gepäppelt werden, am Ende scheitern, ist allen Beteiligten bewusst. “80 Prozent der Entwicklungen, die wir dort mit Start-ups zusammen betreiben, werden nicht funktionieren”, sagt UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber. Aber wenn nur ein kleiner Teil erfolgreich sei, könne das der UBS enorm weiterhelfen. “Wir sind in einem Experimentier-Modus”, betont SIX-Manager Andreas Iten. Oft sei nicht klar, wo man am Ende lande. Aber angesichts der Umwälzungen in der Finanzbranche kann es sich niemand leisten, nichts zu tun.