Nur die wenigsten europäischen Start-ups schaffen es auf die globale Bühne. Doch das könnte sich bald ändern, erklärt McKinsey-Partner Karel Dörner im Interview.

Wer Weltmarktführer werden will, muss die USA erobern. Bislang scheitern jedoch viele europäische Start-ups an einer Hürde: genug Wachstumskapital einzutreiben. Denn der Erfolg in Übersee steht und fällt mit der richtigen Finanzierung. Doch immer mehr Start-ups aus Europa haben mittlerweile das Zeug zum Weltmarktführer, ist Karel Dörner, Senior Partner und Leiter der Digital Labs Europe bei McKinsey, überzeugt. Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer erklärt er, was erfolgreiche Wachstumsfirmen auszeichnet – und nach welchen Geschäftsmodellen Investoren diesseits und jenseits des Atlantiks suchen.

Herr Dörner, viele Gründer aus den USA schlagen ihre europäischen Kollegen beim Wachstum immer noch um Längen. Woran liegt das?
In den USA skalieren viele Firmen deutlich stärker, weil sie mehr Kapital einwerben. Das Verhältnis wird auch erst einmal so bleiben. In Deutschland müssen wir uns noch stärker darum bemühen, ein gutes Gründungsklima zu schaffen, in dem auch starkes Wachstum auf internationaler Bühne möglich ist. Denn erste Start-ups zeigen ganz klar, dass sie den Schritt gehen wollen. Das Problem ist nur häufig, dass zum Teil schon äquivalente Player in den USA aktiv sind.

Start-ups aus Europa haben also auch in Zukunft kaum Chancen, aufzuholen?
Das würde ich so nicht sagen. Wir sehen in Deutschland und Europa derzeit zwar nur eine kleine Zahl an Firmen, die den Sprung auf den US-amerikanischen Markt schaffen werden. Aber es gibt inzwischen deutlich mehr Start-ups, die den klaren Anspruch haben, global zu werden. Mehr Gründer wollen den Wachstumskurs durchhalten, ohne sich von Geldgebern frühzeitig aus der Firma herauskaufen zu lassen. Beispielsweise im Bereich Health-Tech, Cyber Security oder Internet of Things sehe ich gute Chancen, dass aus den europäischen Start-ups globale Marktführer werden. Ein schönes Beispiel ist unser diesjähriger DT50-Gewinner Kaia Health aus München. Bei solchen Start-ups sieht die Geschäftsgrundlage nach exklusivem Wissen aus.

Gerade im B2B-Bereich dauert es lange bis Start-ups auf einen steilen Wachstumskurs finden. Wie schlagen sich hier die europäischen Gründer?
Die Qualität der B2B-Geschäftsmodelle, die wir sehen, ist stark gestiegen. Die erste B2C-Generation hat schon viel Erfahrung gesammelt, jetzt geht der Trend bei Gründungen eher Richtung B2B – hier bekommen wir für Wettbewerbe wie die DT50-Awards jetzt auch deutlich mehr Bewerbungen. Viele Unternehmer stürzen sich auf die Arbeit mit Algorithmen und entwickeln Geschäftsideen mit Künstlicher Intelligenz (KI). Allerdings sehen wir auch, dass bei KI nicht immer wirklich KI drin ist. Dass maschinelles Lernen gerade im Trend liegt, überrascht nicht wirklich. Was ich aber interessant finde, ist, dass mehr Scale-ups, wie z.B. unser diesjähriger Scale-up Gewinner Cornerjobs aus Spanien, darauf abzielen, grundlegende Bedarfe zu decken: wie die Vermittlung von Arbeitskräften oder Vermietung von Büroflächen.

Nach guten Ideen suchen alle Gründer. Aber welche Eigenschaften kennzeichnen Firmen, die es mit der internationalen Konkurrenz aufnehmen können?
Grundsätzlich haben alle europäischen Scale-ups bewiesen, aus ihrem Heimatmarkt herausgekommen zu sein. Sie sind also erfolgreich in mehreren Ländern aktiv und sind in der Lage, weiter zu internationalisieren. Wenn es darum geht, globaler Player werden, entscheidet der Schritt in die USA und nach China. Wir trauen beispielsweise den Scale-ups aus der Endauswahl unseres DT50-Wettbewerbs sofort zu, dort Erfolg zu haben.

Aber wovon hängt dieser Erfolg genau ab?
Die Weltmarktführer von morgen erhalten Finanzierungen in anderen Größenordnungen. Das heißt: Die sind besonders erfolgreich darin, wirklich große Finanzierungen einzuwerben. Das ist der entscheidende Hebel. Mit gutem Funding können junge europäische Firmen sehr wohl in den USA aktiv und erfolgreich werden.

Trotzdem hält sich hartnäckig das Bild, dass europäische Start-ups bei der Finanzierung nicht an die großen Tickets herankommen. Wird sich das auf absehbare Zeit ändern?
Unter den Scale-ups, die wir sehen, sind bereits jetzt immer mehr Firmen mit US-Investoren an Bord. Es fließt also immer mehr Kapital aus den USA nach Europa. Damit wird die Wachstumsfinanzierung hier in Summe globaler und involviert mehr große Venture-Capital-Gesellschaften. Ich finde, dass dieser Trend zu begrüßen ist. Der Schritt in die USA wird so für europäische Start-ups erleichtert.

Herr Dörner, vielen Dank für das Gespräch.