Die Erfolge anderer Menschen sollten wir nicht voller Missgunst, sondern mit Freude betrachten – und als Ansporn verstehen, rät unsere Kolumnistin.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt wieder Tijen Onaran. Sie ist Gründerin von startup affairs, einer PR- und Public-Affairs-Beratung für Start-ups, Venture Capitals und Unternehmen. Mit Women in Digital e.V. vernetzt Onaran Entscheiderinnen der Digitalbranche und macht diese sichtbar. Vor der Gründung von startup affairs war sie als Leiterin Kommunikation beim Onlinehandelsverband Händlerbund und in unterschiedlichen Funktionen für Bundestags-, Europaabgeordnete sowie das Bundespräsidialamt tätig.

Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen handelt von Neid. Jedes Jahr durfte eines der Kinder in meinem Kindergarten die Hauptrolle in einem kleinen Theaterstück spielen. Als ich eines Tages zu meiner Mutter nachhause kam und sie betrübt fragte, warum ein anderes Kind und nicht ich die Hauptfigur spielen durfte, sagte sie mir etwas, an das ich mich bis heute erinnere: „Neide andere nicht um das, was sie haben, sondern freue dich für sie. Nutze die Zeit, in der du jemanden beneidest lieber dafür, an dir selber zu arbeiten, damit du Fähigkeiten entwickelst, die dich weiterbringen.“

Die Worte meiner Mutter wurden zu einem der Leitmotive meines Lebens und machten es mir möglich, einen positiven Umgang mit dem Thema Neid zu entwickeln. In meinem Umfeld beobachte ich aber immer wieder, dass Neid etwas ist, das die sozialen Beziehungen von Menschen stören kann und vor allem im beruflichen Kontext als Karrierekiller wirkt.

Schaffe dir ein Netzwerk aus Talenten

Dank der sozialen und beruflichen Netzwerke lässt sich heute jeder Aspekt unseres Lebens digital abbilden und miteinander vergleichen. Wer macht was mit wem? Unsere Fantasie fügt noch das „Warum“ an und schon geht die Neid-Spirale los. War mein Essen heute genauso gesund oder genauso schön arrangiert? Das gleiche gilt für unser berufliches Leben. Wir teilen unseren Netzwerkkontakten stets mit, welchen neuen Kontakt wir haben, welchen neuen Karriereschritt wir geschafft haben oder welche Veranstaltung wir gerade besuchen.

Ich selbst habe relativ früh gemerkt, worin ich richtig schlecht und worin ich richtig gut bin. Für mich besteht die Kunst dieser Erkenntnis darin, sich mit Menschen zu umgeben, die Talente mitbringen, die man selbst nicht hat. Und umgekehrt all diejenigen Talente weitergeben zu können, die andere nicht haben. Selbst wenn zwei eine Sache machen, machen sie es auf ihre ganz bestimmte Art und Weise. Jeder hat dabei einen anderen Fokus. Die konstruktive Vergleichbarkeit schafft hier den Erfolg.

Neide nicht, schaffe dir Vorbilder

Neid lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Das haben zu wollen, was andere bereits haben – das trifft nicht nur auf materielle Güter zu, sondern auch auf persönliche und berufliche Anerkennung und Erfolg. Sich mit anderen zu vergleichen und das anzustreben, was andere wollen, muss allerdings nicht immer etwas Schlechtes sein. Auch Vorbilder verkörpern etwas, was wir anstreben und ebenfalls haben wollen.

Allerdings ist der Umgang, den wir mit Vorbildern haben, ein gänzlich anderer als der, den wir mit Personen pflegen, die wir beneiden. Ein Vorbild zu haben, bedeutet für mich, dass ich meine Energie darauf verwende, um irgendwann meine Erfolge ebenfalls erreichen zu können. Neid wirkt im Gegensatz dazu aber nicht produktiv, sondern destruktiv.

New Work verlangt nach Teamplayern

Im Zeitalter von New Work haben zwischenmenschliche Beziehungen, die Zusammenarbeit in Teams und berufliches Networking einen enormen Stellenwert. In der neuen Arbeitswelt sind Einzelkämpfer, die sich mit dem Einsatz von Ellenbogen nach oben kämpfen, auf verlorenem Posten. New Work bedeutet gerade den Abbau der alten, strengen Hierarchien und der strengen Arbeitsteilung. Teamplayer, Generalisten und Networker sind dagegen gefragt und werden dort Erfolg haben, wo Neid die Zusammenarbeit von Menschen im Team verhindert. Neid ist darum geradezu ein Karrierekiller.

Motivation statt Stagnation!

Der Blick nach links und rechts und der Vergleich von anderen mit sich selbst ist heute unvermeidbar. Neid sollte aber nicht die Reaktion sein, die dieser Blick in uns hervorruft. Vielmehr sollten wir versuchen, dem eine positive Seite abzugewinnen, indem wir uns Vorbilder suchen, an denen wir uns orientieren und über deren Erfolge wir uns freuen. Selbstbestimmung und Sinnstiftung sind zwei wesentliche Ideale der neuen Arbeitswelt, die sich nur verwirklichen lassen, wenn wir die Erfolge anderer Menschen nicht mit Neid, sondern mit Freude betrachten und uns selbst anspornen.

Übrigens: Heute bin ich sehr froh, dass die Schauspielerei an mir vorbeigezogen ist, denn selbst als Nebendarstellerin habe ich an den unpassendsten Stellen gelacht und konnte mich nicht beherrschen.