Das Berliner Start-up sammelt kurz nach der Gründung 27 Millionen Euro ein – und will in Europa schneller wachsen als die US-Konkurrenz.

Ein Auto oder ein Fahrrad spontan zu mieten, gehört für viele Großstadtbewohner längst zum Alltag. Eine weitere Option will Tier Mobility etablieren: Das Berliner Start-up arbeitet an einem Verleihsystem für elektrische Tretroller. Vergangene Woche mit 250 E-Scootern in Wien gestartet, will das im Sommer gegründete Berliner Start-up im Eiltempo auch andere Metropolen erobern. Das nötige Kapital ist nun vorhanden: Tier hat heute den Abschluss einer Finanzierungsrunde von 25 Millionen Euro bekanntgegeben – wenige Wochen nachdem das Start-up sich eine Seed-Finanzierung von zwei Millionen Euro gesichert hatte.

„Für Investoren ist das ein interessantes Geschäftsmodell, weil sich der Markt gerade erst öffnet“, sagte Mitgründer Julian Blessin WirtschaftsWoche Gründer. „Wir positionieren uns als einer der ersten europäischen Anbieter.“ Schon in wenigen Wochen will Tier in weiteren europäischen Städten starten. Das Team soll bis Ende des Jahres auf 40 Mitarbeiter verdoppelt werden. Der Grund für die Eile: Auch Wettbewerber aus den USA wollen in Europa expandieren. So sind in Wien bereits Bird und Lime vertreten– mit demselben Preismodell: Jede Fahrt kostet eine Grundgebühr von einem Euro und 15 Cent pro Minute.

Erfahrenes Gründer-Trio

Die Tier-Investoren Northzone, Point Nine Capital und Speedinvest schreckt der Wettbewerb offenbar nicht weiter ab. Tier könne es schaffen, sich als „category winner“ durchzusetzen, heißt es in einem Statement des Wagniskapitalgebers Northzone. Ein erfahrenes Gründertrio kann Tier zumindest vorweisen: Blessin verantwortete in seiner früheren Position bei BCG Digital Ventures die Markteinführung von Coup, dem E-Roller-Verleihangebot von Bosch. Lawrence Leuschner war Mitgründer und CEO des auf gebrauchte Unterhaltungselektronik spezialisierten Onlinehändlers Rebuy. Der dritte Gründer, Matthias Laug, war CTO bei den Lieferdiensten Lieferando und Takeaway.

Dass sich Tier Wien als Startgebiet ausgeguckt hat, hängt nicht nur damit zusammen, dass dort der Seed-Investor Speedinvest seinen Hauptsitz hat. In Österreich sind auch die rechtlichen Rahmenbedingungen günstig: Elektrische Tretroller sind Fahrrädern gleichgestellt, solange sie auf 25 Stundenkilometer gedrosselt sind. Unsicher ist dagegen noch die Rechtslage in Deutschland – mit einer Klärung rechnet Blessin erst Anfang des kommenden Jahres. Im ungünstigsten Fall werden die E-Scooter wie Mopeds behandelt. „Wir wären dann verpflichtet, ähnlich wie Carsharing-Dienste die Führerscheine der Nutzer zu kontrollieren“, erklärt der Gründer. „Trotzdem ist Deutschland für uns ein sehr interessanter Markt, den wir besetzen wollen.“

Roller werden nachts eingesammelt

Die rechtlichen Vorgaben sind indes nicht die einzige Hürde, die das Start-up überwinden muss. Auch die Städte stehen Verleihangeboten zunehmend skeptisch gegenüber, nachdem die chinesischen Bikesharing-Anbieter Mobike und oBike europäische Metropolen mit Tausenden Leihrädern geflutet hatten. „Wir stehen in einem engen Kontakt mit der Stadt“, sagt Blessin über die Situation in Wien. „Auf Beschwerden können wir sehr schnell reagieren.“

Um Vandalismus vorzubeugen, sammelt das Start-up die Roller jeden Abend um 22 Uhr ein – die Nacht wird außerdem zum Laden der Batterien genutzt. Dazu kooperiert Tier mit lokalen Logistikunternehmen. „Künftig wollen wir auch Nutzern die Möglichkeit geben, sich Freifahrten zu verdienen, wenn sie die E-Scooter aufladen“, sagt Blessin. Vor Diebstahl soll die permanente Lokalisierung per GPS schützen.