Mit der Idee Krankheiten per Video zu diagnostizieren, überzeugte das Münchner Start-up TeleClinic die Investoren. Doch die Konkurrenz schläft nicht. 

Von Maria Berentzen

Bauchschmerzen, Durchfall und Schlappheit – zugegeben, das ist wirklich undankbar. Aufstehen und raus aus dem Haus gehen, mag man da wirklich nicht, dennoch quälen sich viele Patienten mit diesen Symptomen zum Arzt. Die Zeit im Wartezimmer vergeht dann  nicht nur furchtbar langsam – es besteht zusätzlich die Gefahr, andere Menschen anzustecken oder sich selbst obendrein noch eine andere Krankheit einzufangen.

Doch was des Patienten Problem, ist des anderen Chance, genauer gesagt die der Start-ups.

Alternative zum lästigen Arztbesuch

Die haben es sich nämlich zur Aufgabe gemacht eine Alternative zum lästigen Arztbesuch zu schaffen. Bei einigen Symptomen – und wenn eine Diagnose auch ohne eine körperliche Untersuchung möglich ist – kann nämlich beispielsweise auch eine Videosprechstunde sinnvoll sein. Patienten sparen sich damit den Weg zum Arzt, trotzdem können beide von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen. Was in Ländern wie Finnland schon lange selbstverständlich ist, wird wohl auch in Deutschland zukünftig keine Zukunftsmusik mehr sein.

Aktuell hat die Landesärztekammer Baden-Württemberg zum ersten Mal in Deutschland eine solche Fernbehandlung per Videosprechstunde für Privatversicherte genehmigt. Sie läuft für zwei Jahre als Modellprojekt mit dem Start-Up Teleclinic aus München, das gerade erst eine Seed-Finanzierung in Höhe von zwei Millionen Euro verkündet hat.

Pioltptojekt muss hohe Anforderungen erfüllen

Bislang durften Ärzte in Deutschland nur mit ihnen bekannten Patienten sprechen, aber keine neuen Patienten per Telefon oder Video behandeln. Das ist in Baden-Württemberg nun anders – Patienten können sich über das Start-Up an ihnen fremde Ärzte wenden die sich in der Video- oder Telefonsprechstunde ein Bild von den Beschwerden machen und anschließend eine Therapie einleiten und zum Beispiel ein Rezept oder eine Krankmeldung ausstellen. Bei schwierigen Fällen wird der Patient allerdings zur Abklärung an einen niedergelassenen Arzt verwiesen und lebensbedrohliche Notfälle müssen unverzüglich an die Rettungsleitstelle weitergegeben werden.

„Bei der Einführung des Pilotprojekts waren hohe Anforderungen zu erfüllen“, sagt Dr. med. Oliver Erens, Ärztlicher Leiter der Pressestelle der Landesärztekammer: „Es ging sowohl um den Datenschutz wie auch um die Patientensicherheit.“ So müsse die Verbindung von Anfang bis Ende verschlüsselt sein und außerdem sichergestellt werden, dass die Behandlung der Patienten dieselbe Qualität habe wie in einer Praxis oder in einem Krankenhaus.

„Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten“

Die Entwicklung ist jedoch nicht mehr aufzuhalten“, sagt Erens. Das gelte nicht nur für die Videosprechstunde, sondern auch für andere Kommunikationswege, bei denen sich Arzt und Patient beispielsweise am Telefon oder über eine Handy-App austauschen. Weitere Modellprojekte sind laut Erens geplant – unter anderem auch für gesetzlich Versicherte.

Bei den Patienten kommt das laut der Studie Smart Health der Techniker Krankenkasse gut an, viele sind bereit online mit ihrem Arzt zu kommunizieren, und auch die Medizinern selbst befürworten die Pläne: Nach einer Studie der Stiftung Gesundheit „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“ kann sich die Mehrzahl der Ärzte in Deutschland vorstellen, eine Videosprechstunde mit Patienten abzuhalten. Vorteile sehen die Mediziner dabei vor allem für Patienten, die eingeschränkt mobil sind, weit von der Praxis entfernt wohnen oder chronisch krank sind.

Oliver Erens hat noch eine andere Zielgruppe im Blick: „Ein ganz großer Punkt für uns sind jüngere Nutzer, die sich selbstverständlich online bewegen und auf diese Weise auch gerne mit einem Arzt sprechen möchten“, sagt der Mediziner.

Wir haben uns umgeschaut, welche Start-ups sich zur Zeit auf dem Markt der Telemedizin tummeln.

Patientus

Ähnlich wie TeleClinic, bietet auch das Start-Up Patientus aus Berlin eine Videosprechstunde an. Dort ist allerdings Voraussetzung, dass Patienten zuvor einen Termin von ihrem Arzt erhalten haben oder einen Termin bei einem Arzt online buchen. Dann können Sie mit einem Arzt sprechen und zum Beispiel gemeinsam Bilder von Befunden betrachten.

Doc Cirrus

Doc Cirrus aus Berlin stellt eigentlich vor allem Software her, die bei der Verwaltung von Arztpraxen hilft. Darin ist aber auch ein E-Health-Modul integriert. Das soll den Ärzten den Weg zur Telemedizin ebnen. Enthalten ist darin auch die Funktion, Daten aus Apps oder von Fitnesstrackern direkt in die Patientenakte zu übertragen.

Eedoctors

Auch in der Schweiz ist Telemedizin  ein großes Thema: Das Start-Up Eedoctors aus Bern bietet landesweit eine Videosprechstunde per App an. Die Ärzte sind dabei in der Zeit von 8 bis 21 Uhr zu erreichen. Die App ist von den Schweizer Krankenkassen anerkannt. Die Nutzer können sich einen Teil der Kosten von ihrer Krankenkasse zurückerstatten lassen.

Minxli

Minxli aus München ist eine App, über die Ärzte und Patienten miteinander kommunizieren können. Möglich sind dabei zum Beispiel Chats und Videosprechstunden. Patienten können sich dabei sowohl an bekannte wie auch an neue Ärzte wenden. Ärzte wiederum können sich in der App zudem noch mit Kollegen austauschen.

Kry

Das Start-Up Kry aus Schweden bietet ein Gespräch mit einem Arzt über eine App an. Bislang funktioniert sie allerdings nur dann, wenn man einen schwedischen Ausweis hat. Patienten können mit in einem Videoanruf mit einem Arzt sprechen, wenn sie Schmerzen oder andere Symptome haben. Wichtig ist, dass eine klare Diagnose ohne eine körperliche Untersuchung möglich ist. Kry hatte im Juni dieses Jahres 20 Millionen Euro eingesesammelt. Unter den Kapitalgebern ist der Berliner Venture-Capital-Fonds Project A.