So geht es vielen Start-ups, wenn sie Investoren gewinnen wollen. Denn der Gedanke des Gemeinwohls erhält erst langsam Einzug in unternehmerisches Denken in Deutschland. Timo Meynhardt, Psychologe und Betriebswissenschaftler an der Universität Sankt Gallen und HHL Leipzig Graduate School of Management, beschäftigt sich in seiner Forschung intensiv mit Unternehmen, die das Gemeinwohl in ihre Strategie integrieren. „Sie sind die Hoffnungsträger der Gesellschaft“, sagt Meynhardt. Moralisch arbeiten und Geld verdienen schließe sich nämlich nicht aus, im Gegenteil. „Gerade die Generation Y stellt sich die Frage, welchen Sinn ihre Arbeit erfüllt. Und in diesem Kontext kommt der Gemeinwohlgedanke ins Spiel“, sagt Meynhardt. „Gemeinwohl ist, was uns alle angeht“, sagt Meynhardt und betont, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern einen Sinn bieten müssen, der über materielle Anreize hinausgeht.

Solche Start-ups werden am Donnerstag mit dem Public Value Award von Ernst & Young in Kooperation mit der HHL Leipzig Graduate School of Management ausgezeichnet. Sieben sind für den Preis nominiert und haben die Chance, an renommierten Gründer-Workshops in Palm Springs und Rom teilzunehmen.

Zu den Nominierten zählt das Start-up Töchter und Söhne, das Menschen im Pflegealltag unterstützen möchte. „Wir möchten vor allem denen helfen, die keine externen Dienstleister mit der Pflege ihrer Angehörigen beauftragen“, sagt Florian Caspari, Leiter des Produktmanagements. „Die Angehörigen sind Deutschlands größter Pflegedienst, werden gesellschaftlich aber kaum wahrgenommen“, so Caspari.

Deshalb bietet das Start-up beispielsweise Onlinekurse für Angehörige von Menschen mit Demenz an, um sie bei der Pflege zu unterstützen. Außerdem hat Töchter und Söhne ein Geschwisternetzwerk ins Leben gerufen, das Geschwister von Menschen mit Behinderung miteinander in Kontakt bringt und so einen Austausch ermöglicht.

Anfangs finanzierte sich das Start-up mit Eigenmitteln und Business Angels. Laut Caspari macht es in diesem Jahr Gewinn.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Vincent Zimmer von Kiron, einer Online-Universität für Flüchtlinge. Auch er ist mit seinem Team für den Public Value Award nominiert. An der Online-Uni beginnen die Studierenden mit Online-Kursen und entscheiden sich dann für einen Studiengang an einer Campus-Universität, um den Abschluss zu erhalten. „Wir haben eine digitale Lösung für Flüchtlinge entwickelt, die über Grenzen hinaus funktioniert“, sagt Zimmer. „Wir können unsere Kurse in allen möglichen Ländern anbieten und helfen somit nicht nur Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind.“

Auch Zimmer empfiehlt Gründern, die Idee des Gemeinwohls von Anfang an in sämtliche unternehmerische Strategien zu integrieren. „Es geht hierbei um Menschen“, sagt Zimmer, „da muss das Gemeinwohl im Mittelpunkt stehen.“