Die europäischen Tech-Unternehmen prosperieren. Doch ein aktueller Report von Investor Atomico zeigt: Die männlich dominierte Branche verschenkt Potenziale.

Ein neues Jahr, eine neue Bestmarke: Die Marktstudie State of European Tech, die heute veröffentlicht wird, weist für 2018 Investitionen von 23 Milliarden Dollar in europäische Start-ups und Digitalfirmen aus – nach 19 Milliarden Dollar im Vorjahr. „Wenn es darum geht, Rekorde zu präsentieren, ist dieser Report beinahe so redundant wie eine Schallplatte mit einem Sprung“, sagt Tom Wehmeier, Partner des europäischen Risikokapitalgebers Atomico, der die Zahlen des Reports zusammengetragen hat.

Quer über den Kontinent vermeldet der Bericht anhaltendes Wachstum: Für Deutschland berechnen die Studienautoren etwa einen Anstieg der Investitionen um mehr als ein Drittel auf insgesamt knapp über vier Milliarden Dollar. Einen absoluten Anspruch haben solche Werte jedoch nicht: Je nach Zählweise und Datenquelle kommen andere Erhebungen auf unterschiedliche Zahlen – einig sind sich die meisten jedoch, dass es aktuell Rekordjahre für die Tech-Szene sind.

Alarmierende Zahlen bei der Kapitalvergabe

Trotz dieser Kennzahlen schlagen Atomico, die finnische Tech-Konferenz Slush sowie die Anwaltskanzlei Orrick, die den Bericht gemeinsam herausgeben, in diesem Jahr jedoch Alarm. Sorgen macht den Unternehmen die mangelnde Geschlechtervielfalt in den europäischen Tech-Unternehmen: Laut Zahlen der Datenbank Dealroom.co floss in diesem Jahr 93 Prozent des investierten Risikokapitals an ausschließlich männlich besetzte Gründerteams. Dieser Wert hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. „Es ist keine inklusive Industrie“, konstatiert Wehmeier im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer.

Das hatten zuletzt auch Zahlen der staatlichen Förderbank KfW bestätigt: Zwar steigt die Zahl der gründenden Frauen, schwankt jedoch auch in dieser nationalen Erhebung zwischen zehn und 20 Prozent. Zudem zeigen andere Untersuchungen, dass Gründerinnen häufig unter anderen Bedingungen starten.

„Wir verlieren Talent und Wachstum“

Ebenso ungleich verteilt sind laut State of the European Tech (hier geht es zum gesamten Report) wichtige Management-Posten in den Start-ups, die in diesem Jahr eine Wachstumsfinanzierung abschließen konnten. Nur ein Prozent der Technik-Verantwortlichen war weiblich. Den höchsten Wert fanden die Autoren im Marketingbereich – aber auch hier lag er nur bei 21 Prozent. „Es ist wichtig, dass wir diese Inklusion fördern“, sagt Wehmeier, „im Moment verlieren wir so Talent und Wachstum.“

Bei ganz konkreten Antworten tun sich jedoch auch die Studienautoren schwer. In einem heute veröffentlichten Leitfaden geben sie zumindest einige Tipps, wie Geschlechter- und sonstige Vielfalt leichter in Start-ups verankert werden kann. Gegen eine gesetzliche Regelung – wie sie in Deutschland etwa mit einer Frauenquote von 30 Prozent für Aufsichträtinnen verankert ist – wehren sich die Autoren der Studie jedoch: „Bevor die Regulierung einsetzt, gibt es noch eine Menge für die Unternehmen selbst zu tun“, sagt Wehmeier im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Stattdessen verweist er etwa auf erfolgreiche Initiativen, die sich in einzelnen Ländern bereits herausgebildet hätten. In Deutschland sind etwa Organisationen wie die Fintech Ladies aktiv.