Einfach nur neu reicht nicht: Was Start-ups wirklich innovativ macht. Der letzte Teil unserer Serie über Mythen der Gründerwelt.

An dieser Stelle müssen auch wir von der WirtschaftsWoche uns schuldig bekennen: Bei unserem alljährlichen Gründer-Wettbewerb „Neumacher“ suggeriert allein schon der Name, dass junge Unternehmen alles neu machen würden. Noch lieber schmücken sich Start-ups damit, disruptiv zu sein. Also so dermaßen innovativ, dass sie gleich einen ganzen Markt umwälzen. Gerne zitieren sie dann auch den legendären Ökonomen Joseph Schumpeter und seine Idee von „kreativer Zerstörung“ als Credo für Neugründungen. Geht es denn nicht auch etwas bodenständiger?

Doch, geht es, vor allem in der realen Wirtschaftswelt, und damit nochmal zu Schumpeter, der Innovationen schon vor 70 Jahren deutlich weniger unerreichbar definierte: „the doing of new things or the doing of things that are already done, in a new way.“

Entscheidend ist also nicht die neue Erfindung, sondern das Einsetzen etablierter Ideen auf neue Art und Weise. Ein gutes Beispiel dafür ist eBay: Die Firma wurde 1995 gegründet und machte nichts weiter als eine der ältesten Erfindungen der Menschheit – den Marktplatz – mithilfe von Technologie in die moderne Welt zu übertragen. Drei, zwei, eins, fertig.

Der Entrepreneurship-Professor Paul Reynolds beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Frage, welche Bedeutung Start-ups für die Gesellschaft haben. In einer Rede fasst er seine Erkenntnisse mit Blick auf die Innovationskraft so zusammen: „Der Anteil von jungen Firmen, die einen Markt tatsächlich verändern, ist sehr gering und liegt bei weniger als fünf Prozent.“

Die überwältigende Mehrheit der Unternehmen würden einfach bestehende ökonomische Aktivitäten nachahmen, ja manchmal sogar existierende Firmen kopieren. Damit würden sie den Kunden einen großen Nutzen erweisen, weil der Wettbewerb stärker wird und damit die Qualität steigen und die Preise sinken.

Mit Blick auf Deutschland kommt einem unweigerlich Oliver Samwer in den Sinn, Chef des Start-up-Inkubators Rocket Internet. Seinen Firmen geht der Ruf voraus, Geschäftsmodelle, die sich bereits in den USA etabliert haben, schnell zu kopieren und in Europa, Asien und Afrika auszurollen. „Vielleicht gewinnen wir nicht die höchste Auszeichnung für die größte Innovation, aber was macht das schon?“, sagte Samwer dazu einmal auf einer Konferenz. „Man muss einfach super pragmatisch sein.“

Er steht damit nicht alleine. Der US-Ökonom Amar Bhide fand in einer Befragung unter den 500 wachstumsstärksten amerikanischen Firmen heraus, dass nur einer von acht Unternehmern von sich behauptet, wegen einer außergewöhnlichen Idee derart erfolgreich zu sein. 88 Prozent der Befragten sagen, dass sie ihr Geld vor allem mit der außergewöhnlichen Umsetzung einer alltäglichen Idee verdienten.

Hiermit endet unsere fünfteilige Serie über Start-up-Mythen. Den kritischen Blick auf vier andere Mythen können Sie hier nachlesen:

Teil 1: Gründer sind jung

Teil 2: Gründer sind Studienabbrecher

Teil 3: Gründer brauchen Venture Capital

Teil 4: Gründer lieben das Risiko