Wer frisches Kapital an der Börse einwerben will, braucht einflussreiche Unterstützer. Bei IPOs weltweit liefern sich Investmentbanken einen harten Konkurrenzkampf.

Als einer der wichtigsten Dealmaker bei den internationalen Aktiendebüts in diesem Jahr gilt Michael Grimes. Als Managing Director und Leiter des Global Technology Investment Banking der US-Investmentbank Morgan Stanley haben er und seine Kollegen Beziehungen zu einer Reihe großer, an die Börse strebender Technologiefirmen aufgebaut. Darunter zum Beispiel das verschwiegene Datenanalyse-Start-up Palantir aus dem Silicon Valley, das enge Kontakte zur US-Regierung halten soll.

Die sogenannten Dealmaker helfen Unternehmen dabei, vermögende Kunden der Bank und Staatsfonds für die Finanzierung zu gewinnen, sodass sie mehr Zeit haben, reifer zu werden, bevor sie den Sprung aufs Börsenparkett wagen. „Da viele der jungen innovativen Unternehmen länger privat bleiben, gibt es mehr private Finanzierungsrunden“, sagt Jay Ritter, Professor für Finanzen, Versicherungen und Immobilien am Warrington College of Business der Universität Florida. Das verschaffe Morgan Stanley einen Vorteil, da die Bank im vergangenen Jahr einen Großteil dieser Finanzierungen arrangiert habe.

Attraktive Bewertung zählt

Viele Start-ups brauchen Dealmaker, die sowohl für Börsengänge als auch für Übernahmen attraktive Bewertungen festsetzen können, sagt Betsy Atkins, eine Technologieunternehmerin, die in Boards von Unternehmen vertreten war – zum Beispiel beim Hersteller von Audio- und Video-Geräten Polycom. Das Unternehmen hat Morgan Stanley für Aktienplatzierungen, Übernahmen und schließlich den eigenen Verkauf engagiert. Dem Coworking-Anbieter WeWork half das Institut, bei einer von JP Morgan geführten Transaktion mehr als 700 Millionen Dollar aufzunehmen.

Im IPO-Geschäft („Initial Public Offering“) hilft Grimes seiner Investmentbank als schillernde Persönlichkeit an der New Yorker Wall Street. Er hat einen Abschluss in Informatik und Elektrotechnik und eine bekannte Vorliebe für die Gadgets und Apps der Technologiefirmen, die er umwerben soll. Unterwegs verlässt er sich auf Airbnb, um Unterkünfte zu buchen und sein Haus zu vermieten, wie Personen aus seinem Umfeld berichten. Bevor Grimes 2011 den Börsengang des Online-Spielebetreibers Zynga leitete, beherrschte er das Spiel „CityVille“ auf seinem Handy.

Diese Faktoren haben der US-Investmentbank Morgan Stanley im vergangenen Jahr geholfen, gemessen am Volumen den Spitzenplatz als Top-Underwriter bei globalen Tech-IPOs zu belegen, wie aus von der Nachrichtenagentur Bloomberg zusammengestellten Daten hervorgeht. Verglichen wurden dabei Banken, die sich aktiv an Aktienemissionen beteiligen. Der Titel als weltweit führender Aktien-Underwriter wechselte in den letzten Jahren zwischen JP Morgan, Goldman und Bank of America hin und her, bis er 2017 knapp an Morgan Stanley ging.

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Das Institut ist damit gut positioniert für das kommende Jahr, wenn noch mehr dieser sogenannten „Tech-Einhörner“ den Sprung an die Börse wagen dürften. Was es den Wettbewerbern wie JP Morgan Chase und Goldman Sachs noch schwerer macht, aufzuholen: In den kommenden Wochen wird Morgan Stanley einen der prestigeträchtigsten Deals dieses Jahres begleiten, den Börsengang des Fahrdienstvermittlers Uber. Managing Director Grimes hatte dort eine Nebenbeschäftigung als Fahrer.

Eine Person, die eng mit seinem Team zusammengearbeitet hat, bezeichnete ein derartiges Engagement als Geheimrezept der Gruppe: Grimes und andere Banker seien besessen davon, wie Start-ups und ihre Dienste funktionierten, und nutzten dieses Wissen, um die Führungskräfte des Unternehmens zu beeindrucken. „Er arbeitet hart daran, die Welt durch die Brille seiner Kunden zu sehen und zu verstehen“, sagt Mary Meeker, die bekannte Risikokapitalgeberin, die zuvor als Analystin bei Morgan Stanley gearbeitet hat und Grimes seit mehr als zwei Jahrzehnten kennt.

Kontakte zu Kunden aus der Vermögensverwaltung

Er und seine Kollegen, von denen viele 20 bis 30 Jahre als Banker tätig sind, haben jedoch einen weiteren Pluspunkt, der noch schwerer zu kopieren ist: Die Großbank hilft, jungen Unternehmen Geld an privaten Märkten zu beschaffen, wobei sie häufig die vermögenden Kunden in ihrer 2,5 Milliarden US-Dollar schweren Vermögensverwaltungssparte anzapft. Goldmans vergleichbare Geschäftseinheit hat nur ein Bruchteil dieser Größe. In den ersten neun Monaten des Jahres 2018 erzielte Morgan Stanley mit dem Underwriting von Aktien Erträge in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar, verglichen mit 1,3 Milliarden US-Dollar bei Goldman.

Für 2019 haben sowohl Goldman als auch JP Morgan wichtige Deals in der Pipeline. Die Kommunikationsplattform Slack heuerte Goldman Sachs als führenden Underwriter für einen Börsengang an, der eine Bewertung von mehr als zehn Milliarden US-Dollar erreichen könnte, und der Fahrdienstvermittler Lyft hat JP Morgan gebeten, ihr Debüt zu begleiten. Beide Ernennungen erfolgten nach langen Zeiten der Umwerbung. „Ein wenig hängt die Wahl davon ab, wer einen guten Job beim Umwerben des Unternehmens macht“, sagt Finanzprofessor Jay Ritter. Was aber auch zählt: „wer zuvor Beziehungen aufgebaut hat“.

Material von Bloomberg