Start-ups digitalisieren die Pflanzenpflege oder entwickeln fahrende Sonnenliegen. Sie hoffen so auf ganz neue Zielgruppen.

Von Louisa Riepe

Es gibt dieses Youtube-Video, da tanzt eine Sonnenliege Ballett. So scheint es zumindest, wenn das Outdoor-Möbelstück per App-Steuerung auf die Terrasse hoch und runter fährt, sich um 360 Grad dreht oder große Kreise zieht. Was bei dieser video-dokumentierten Testfahrt die Nutzer erfreut, soll einem praktischen Zweck dienen: „Man muss die Liege nicht mehr durch die Gegend ziehen“, sagt ihr Erfinder, Martin Scharfe aus Osnabrück. Vom Schatten in die Sonne und dazu erst mal Aufstehen – das soll der Vergangenheit angehören.

Und der Smart Lounger kann noch mehr: Dank eingebauter GPS-Technik richtet sich die Liege auf Wunsch auch automatisch nach der Sonne aus. Gut ein Jahr hat es von der Entwicklung des ersten Antriebssystems bis zum marktreifen Produkt gedauert. Dabei hatte Martin Scharfe schon große Erfahrung mit fernsteuerbaren Roboterplattformen gesammelt: Nach seinem Maschinenbau-Studium arbeitete er zunächst zwei Jahre lang in Bremerhaven und gründete dann sein erstes Start-up Marsch Systems. Nach dem Verkauf suchte er nach einer neuen Gründungsidee: „Wo macht es Sinn, etwas mobil zu machen, was noch nicht  mobil ist?“

„Porsche im Garten“: Smart Garden als Statussymbol

So entstand der erste Prototyp des Smart Loungers, regional produziert und aus bestehend aus hochwertigen Materialien. Seit Juni 2016 kann man die Liege auf der Website der Tronos GmbH vorbestellen, in einigen Monaten sollen dann die ersten Stücke ausgeliefert werden. Der Preis ist allerdings nicht ganz ohne: 8450 Euro kostet das Möbel in der Standartausführung. „Dafür gibt es aber auch das innovativste Produkt, was es auf dem Markt gibt“, sagt Scharfe.  Der Smartlounger sei eben wie ein „Porsche im Garten“.

Der Smart Garden als Statussymbol – diesen Trend beobachtet auch Michael Henze vom Bundesverband für Garten- Landschafts- und Sportplatzbau. Der Verein organisiert alle zwei Jahre eine große Gartenausstellung, Henze ist dort für die Innovationen zuständig. „Da stehen sogar gestandene Manager um einen Roboter-Rasenmäher und freuen sich“, berichtet er. Überhaupt steige die Nachfrage nach innovativen Helferlein für den Garten rasant – bei der Lichtsensorik, automatischer Beregnung, Terrassenbeschattung oder Outdoor-Musiksystemen.

Neben dem Wow-Effekt spricht aus Henzes Sicht aber auch ein anderer Faktor für die Digitalisierung im Garten: „Das erleichtert die Gartenpflege enorm. Beregnung oder Rasenmähen sind einfach lästig. Das sind Kundenwünsche, auf die sich die Industrie eingestellt hat.“ Insbesondere Gartenneulinge und Senioren könnten von den Innovationen profitieren, meint Henze. Dadurch werde der Garten wieder mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt. Trotzdem sieht der Experte aktuell auch noch Grenzen für den Smart Garden. Zum einen lassen sich die unterschiedlichen Systeme nur schlecht miteinander verknüpfen. Henze würde sich eine App wünschen, mit der sich alle Geräte steuern lassen. Zum anderen „gibt es zum Beispiel noch nichts für Bäume oder Sträucher. Da muss man immer noch einen grünen Daumen haben und wissen, wie man Gehölze schneiden kann“, so Henze. „Noch steckt das ganze in den Kinderschuhen.“

Der Schweizer Philipp Bolliger will dem Smart Garden beim Erwachsenwerden helfen. Er kommt selbst aus der Start-up Szene: 2009 gründete er Koubachi, „schlicht aus eigenem Bedarf heraus. Ich hatte mir eine große Pflanze fürs Büro gekauft und war mit der Pflege überfordert.“ Warum kann eine Pflanze nicht einfach sagen, was sie braucht? Aus dieser Frage entstand die Gründungsidee, einen Pflanzenpflege-Assistenten zu entwickeln. Bereits 2010 kam die erste App heraus: Basierend auf einer Pflanzenbibliothek und einer Kalibrierung durch den Nutzer berechnet die Software die sogenannte Wasserzyklusdauer – und sendet Push-Benachrichtigungen, wenn gegossen oder gedüngt werden sollte.

Gleichzeitig entwickelte Bolliger mit seinem Team einen Sensor, der direkt an der Pflanze Bodenfeuchtigkeit, Umgebungstemperatur und Lichteinfall messen konnte. In Kombination mit der App entstanden dadurch noch genauere Pflegehinweise. „Damit waren wir den großen Playern auf dem Markt meilenweit voraus“, sagt der Gründer. Inzwischen verkauft Koubachi keine eigenen Produkte mehr – Bolliger hat sich dem Branchenriesen Gardena angeschlossen. Das Ziel der Zusammenarbeit: „Ein komplett smartes System.“ Gemeint ist eine vollautomatische  Steuerung des heimischen Gartens.

Denn bisher gibt es aus dem Hause Gardena zwar schon Pflanzensensoren, einen Bewässerungscomputer, den Rasenmäherroboter „und in den nächsten Jahren kommen noch zwei drei Geräte dazu“, so Bolliger, „aber wir wollen das Erlebnis Garten als Ganzes smart machen.“ Das bedeute zum einen, die Funktionalität der bisherigen App auszuweiten, aber auch die Produkte anderer Hersteller mit einzuschließen. Davon profitieren könnten zwei Zielgruppen: Diejenigen, die froh sind die Gartenpflege zu automatisieren, aber auch die leidenschaftlichen Gärtner, die von der Expertise lernen können.

Pflanzenkrankheiten per Handy bestimmen

Im Vergleich zu normalen Gartenwerkzeugen muss der Kunde für die Produkte aus der Gardena Smart System Serie allerdings einen deutlichen Aufpreis zahlen. Wer auf günstigere Art und Weise zu einem grünen Daumen kommen will, der ist beim Gartenbank-Projekt der Firma Peat aus Hannover richtig. Gründerin Simone Strey hat mit ihrem sechsköpfigen Team eine App entwickelt, mit der Hobbygärtner Pflanzenkrankheiten erkennen und bekämpfen können. „Ein gutes Beispiel ist der Mehltau an der Gurke. Das ist eine Pilzerkrankung, die aussieht wie ein weißer Belag, der erst in Pünktchen auftritt und dann großflächiger wird“, beschreibt Strey.

Bemerkt ein Gärner eine solche Veränderung an seiner Pflanze, kann er mit der Gartenbank-App die richtige Diagnose stellen. Dazu reicht schon ein Foto der betroffenen Stelle und der Algorithmus erkennt die Krankheit auf dem Bild automatisch. „Derzeit können wir schon über 30 Krankheiten bestimmen. Und jede Woche kommen neue dazu“, sagt Strey. Denn das System lernt mit jedem der rund 200 eingesendeten Fotos am Tag – die Gartenbank ist ein Data-Mining-Projekt. Irgendwann, so hofft Strey, ist die Pflanzenbibliothek so ausgereift,  dass Landwirte für die Nutzung Geld bezahlen. „Insofern ist es eine Win-Win Situation. Die App ist kostenlos, aber die Kleingärtner helfen uns ja auch weiter.“

Die Fotos der Nutzer bilden auch die Basis für ein Frühwarnsystem, an dem die Peat-Gründer arbeiten. „Die Fotos werden GPS-getagged. So können wir erkennen, in welcher Region welche Krankheiten verstärkt auftreten.“ Im Gegenzug für die bereitgestellten Daten bekommen die Nutzer Tipps, wie sie ihrer Pflanze helfen können. Beispielsweise gegen Mehltau gibt es verschiedene Mittel: „Man kann ganz konventionell dagegen spritzen, oder man entscheidet sich für die biologische Variante und trägt eine Milchtinktur auf“, sagt Strey. Das entsprechende Rezept liefert die App gleich mit. Außerdem gibt sie Ratschläge, wie die Erkrankung der Pflanzen in Zukunft verhindert werden kann.

Auch Martin Scharfe entwickelt seine Gartenmöbel immer weiter. Seit Ende Juni hat er auch einen „Smart Table“ im Angebot. Ausgestattet mit einem Photovoltaik-Panel erzeugt der Tisch bis zu 1000 Watt Strom. „Damit kann man einen Fernseher betreiben, einen Kühlschrank oder sogar einen Staubsauger“, so Scharfe. Insofern sei der Tisch eine ernstzunehmende Energiequelle, mit der man auch im Garten Strom erzeugen und nutzen kann. Als Zielgruppe für seine Produkte sieht der Gründer Privatverbraucher, Bars oder Hotels, also „alle, die einen Außenbereich haben.“ Denn die Akzeptanz für Hightech-Geräte im Garten sei inzwischen groß: „Da hat der Rasenmähroboter einen großen Beitrag geleistet.“