Zweiter Tag im Silicon Valley: Startupminister Philipp Rösler pitcht Deutschland, die deutschen Gründer pitchen ihre Unternehmen. Geld gibt es dafür zwar erstmal nicht, dafür aber wertvolle Ratschläge von Valleypionieren wie Netscape-Gründer Marc Andreessen und Google-Investor Andreas von Bechtolsheim.

Eine gewisse Begeisterung für seine Idee sollte man an den Tag legen, wenn man sie „pitcht“, also potenziellen Geldgebern vorstellt. Aber wer es übertreibt läuft Gefahr, am Ende nicht ernst genommen zu werden – so wie Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler am Dienstag in der renommierten Stanford University, der Geburtstätte jener erfolgreichen Konzerne, die heute das Silicon Valley formen. Röslers Idee ist es, die Geldgeber aus dem Valley nach Deutschland zu locken. „Macht euch selbst ein Bild davon, wie cool Deutschland ist“, sagt der Bundeswirtschaftsminister deswegen vor dem vollen Auditorium, „bei uns ist jeder willkommen, der es schaffen will.“ Dann schwärmt er von den „endless opportunities“, den „beautiful companies“ und dem „perfect government“ in seiner Heimat. „Our motto is: Think Big, Think Better, Think Berlin.“

Es ist der zweite Tag der großen Gründer-Klassenfaht ins Silicon Valley. Rund 50 Gründer aus Deutschland sind mit Rösler her geflogen und weil das Flugzeug damit voll war, kamen rund 50 auf Initiative des Bundesverbands Deutsche Startups hinterher. Mit den Gründern versteht sich der Minister bestens: Morgens geht er mit ihnen joggen und lässt seine Pressesprecherin dafür sorgen, dass Fotografen dabei sind; zwischendurch tauscht sich beim Bier oder Kaffee mit ihnen aus und immer wieder gibt es ein Gruppenfoto mit den „Jungs und Mädels“, wie Rösler seine Mitreisenden nennt – mal vor dem Facebook-Logo, mal mit der Bucht von San Francisco im Hintergrund. Und nebenbei posiert er mit der neuen Google-Brille Google Glass, quatscht mit Studenten oder schüttelt Hände von Google-Mitarbeitern.

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„Die wären auch durch den Atlantik geschwommen, um hier dabei zu sein“, sagt Rösler über die mitgereisten Gründer. Um Kontakte zu knüpfen, sich inspirieren zu lassen, den Spirit des Silicon Valley kennen zu lernen. Und, ganz wichtig, um bei Geldgebern für die Gründerszene in Deutschland und vor allem in Berlin zu werben. Denn Rösler will für mehr Wagniskapital in Deutschland sorgen – im Jahr 2020 soll Gründern in Deutschland drei Mal so viel davon zur Verfügung stehen wie heute.

Nach Besuchen bei Google und einer Startuptour durch San Francisco steht am zweiten Tag erstmal ein Besuch bei Facebook auf dem Programm. Während die Presse draußen mit einer kurzen Präsentation abgefrühstückt und einer Praktikantin über den Campus eskortiert wird, werden die Gründer von Facebook-COO Sheryl Sandberg begrüßt; dann erzählen zwei Techis, wie sie Software für das Unternehmen bauen und erklären, wie Startups mit Hilfe von Facebook weltweit Kunden erreichen können. Für die Gründer ist das purer Nutzwert; es gibt mehr Fragen und Diskussionen als Zeit.

Ohnehin ist die Zeit auf der Reise knapp. Vor allem an diesem Nachmittag: Zehn Startups aus Deutschland pitchen vor Geldgebern aus dem Silicon Valley. Die Gründer haben sich mit Exposés beworben und sich akribisch vorbereitet. Vier Minuten hat jeder, um für seine Idee zu werben. Das ist wenig – und als sie endlich loslegen können, ist Minister Rösler bereits auf dem Weg zu Apple und im Publikum sind nur noch wenige Risikokapitalgeber zugegen. “Maue Veranstaltung”, sagt eine der Gründerinnen nach ihrer Präsentation, “ich komme mir vor wie ein Zirkuspferdchen.”

Valley voller Möglichkeiten
Einer der Geldgeber vor Ort ist Jay H. Eum, Chef von Translink Capital aus Palo Alto, das in viel versprechende Internet-Unternehmen investiert, in der Regel um die zwei bis drei Millionen Dollar. Eum hat von ParStream gehört, einem Unternehmen aus Köln, dessen Technologie riesige Datenbanken in Sekundenschnelle durchforsten kann und dessen Gründer in der Röslerdelegation mitgereist ist. Die Idee findet er spannend. Ansonsten kann er sich für die deutschen Startups noch nicht so recht begeistern: „Es gibt hier im Valley so viele spannende Möglichkeiten, warum sollten wir da in Übersee investieren“, sagt Eum. „Wenn die Startups hier Kapital einsammeln wollen, dann sollten sie hier zumindest eine Tochterfirma gründen.“

Ähnlich sieht das auch Andreas von Bechtolsheim, einer der Gäste an diesem Nachmittag. Bechtolsheim war zu Beginn der 1980 Jahre Mitgründer von Sun Microsystems und Ende der 1990er einer der ersten Google-Investoren. Geschätztes Vermögen heute: Mehr als eine Milliarde Dollar. Bechtolsheim rechnet vor, dass es in den USA deutlich mehr erfolgreiche Unternehmen gibt als in Deutschland. „In Europa ist es schwieriger, Erfolg zu haben“, sagt er, „aber es ist nicht unmöglich.“ Um ihn hat sich eine Traube von jungen Gründern gebildet, die ihn mit Fragen bombardieren, der Pitch im Saal wird zur Nebensache. Bechtolsheim antwortet, kommentiert Geschäftsideen, erzählt was er bei Google gelernt hat und rät den Gründern, ihr Vorhaben schnell und schlank anzugehen und es immer wieder an die Kunden anzupassen.

Abends treffen Rösler und seine Gründer Marc Andreessen zum Dinner. Der 42-Jährige hat in den Neunziger Jahren Netscape gegründet, brachte das Unternehmen an die Börse und verkaufte es später für vier Milliarden Dollar. Seitdem ist er im Valley eine Legende und hat mit seiner Venture-Capital-Firma in so namhaften Internetkonzerne wie Facebook und Twitter investiert. „Was kann ich außer Geld von hier mitnehmen, um in Berlin den Spirit des Silicon Valley zu verbreiten“, will Madeleine von Mohl wissen, die den Berliner Coworking-Space Betahaus gegründet hat. Die Antwort: „Bringt noch mehr Gründer hierher, damit sie Inspiration und Kontakte sammeln – macht noch mehr Ministerreisen ins Valley!”

Das wäre sicher in Philipp Röslers Sinne: Der Minister hat sich für morgen früh erneut mit den Gründern zum Joggen verabredet. Dieses Mal an der Golden Gate Bridge. Wer nicht mitlaufen will soll trotzdem mitkommen – wenigstns fürs Gruppenfoto.


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