Copycat-Debatte: Der US-amerikanische Management-Professor Oded Shenkar erklärt, warum Gründer sich nicht schämen müssen, wenn sie gute Ideen imitieren, adaptieren und importieren

Herr Shenkar, Warum haben Copycats einen schlechten Ruf?
Shenkar: Sowohl für Unternehmer als auch für viele Wirtschaftswissenschaftler ist Innovation zur Religion geworden. Sie glauben, dass ohne Innovation kein wirtschaftliches Wachstum möglich ist. Wenn du dagegen argumentierst, ist das Blasphemie. Dabei zeigen uns andere Wissenschaften wie die Biologie, wie wichtig Imitation für den Menschen war und ist.

Oded Shenkar ist Professor für Management am Fisher College of Business an der Ohio State University und berät Konzerne und Startups.

Warum sollten Wirtschaftswissenschaftler diese Perspektive übernehmen?
Shenkar: Weil Imitationen ebenso für Wachstum und Wohlstand sorgen wie Innovationen. Die chinesische Wirtschaft etwa wächst auch deshalb so schnell, weil China der größte Imitator der Welt ist.

Häufig werden aber auch Schutzrechte verletzt, wenn Produkte und Ideen kopiert werden. Kein Problem?
Shenkar: Piraterie ist einer der Gründe, warum Copycats so einen schlechten Ruf haben. Natürlich muss es Gesetze geben, die das verhindern, damit innovative Unternehmen nicht um ihren Lohn betrogen werden. Aber viele Geschäftsmodelle und Ideen lassen sich nicht oder nur eine begrenzte Zeit lang schützen und das ist durchaus sinnvoll.

Sollten Gründer dann lieber Ideen imitieren statt selbst neue Produkte oder Geschäftsmodelle zu erfinden?
Shenkar: Nein. Aber es ist genauso falsch, Unternehmertum ausschließlich mit Innovation gleichzusetzen. Die Mehrzahl der Startups imitiert, adaptiert oder importiert funktionierende Geschäftsideen. Solange sie damit nicht gegen Gesetze verstoßen ist daran auch nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Sie schaffen Arbeitsplätze und haben es oft leichter, an Geld von Risikokapitalgebern zu kommen, weil sich ihr Vorhaben anderswo schon bewährt hat.

Mach’s nach!

Copycats, die Geschäftsideen erfolgreich nachahmen, spalten die deutsche Gründerszene – dabei ist es sinnvoll, gute Ideen zu imitieren, sofern man damit keine Rechte verletzt. Auch den Vorbildern selbst kann es helfen, wenn sie kopiert werden. Mehr dazu in der WirtschaftsWoche vom 16. April 2012 (Heft 16) oder hier online.

Entsteht nicht ein Teufelskreis, wenn Geldgeber lieber Nachahmer finanzieren, die später selbst zu Geldgebern für andere Nachahmer werden?
Shenkar: Nein. Auch wenn Statistiken zeigen, dass die Rendite von Innovationen schrumpft, wird es weiterhin Innovation geben – wer neue Ideen entwickelt, hat einen Vorsprung, den er dann allerdings auch nutzen muss. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Innovation und Imitation zusammen gehören. Erfolgreiche Unternehmen tun beides, ich nennen sie Imovatoren.

Diese These vertreten Sie auch in Ihrem Buch. Wie hat sie die Rache der Innovationsjünger getroffen?
Shenkar: Sie haben mich zum Glück nicht gesteinigt, sondern schlimmstenfalls ignoriert. Aber das Buch wurde prompt in mehrere Sprachen übersetzt und hat zum Beispiel in China heftige Diskussionen ausgelöst.

In Ihrem Buch sprechen Sie sich für einen Preis aus, mit dem der Nachahmer des Jahres geehrt werden sollte. Wen würden Sie damit auszeichnen?
Shenkar: Apple. Das Unternehmen gilt zwar als sehr innovativ, aber es imitiert auch ständig. Apple hat weder den PC, noch den iPod erfunden, sondern existierende Produkte gut imitiert. Wenn Apple versucht hätte, das alles selbst zu erfinden, wäre das so teuer gewesen, dass das Unternehmen nie so erfolgreich geworden wäre. Ich finde, Apple sollte dafür geehrt werden – denn nachahmen ist kein schmutziges Geschäft.

Buchtipp:
Oded Shenkar: Copycats. Gut kopiert ist besser als teuer erfunden, Redline Verlag, 200 Seiten, 24.99 Euro


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