“Mehr Humboldt, weniger Projektitis” – das hat Michel Aloui, Gründer des Social Lab, kürzlich hier im Gründerraum gefordert und kritisiert, dass sich viele Bildungsprojekte mit den Symptomen, nicht aber mit den Ursachen von Problemen an Schulen beschäftigen. Als Beispiele nannte er Mentoringprogramme. Im Gründerraum steigt jetzt Philip Scherenberg in die Debatte ein, der Die Komplizen gegründet hat – ein erfolgreiches Mentoring-Programm an 50 Schulen.

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“Die Probleme liegen also nicht in der mangelnden Effizienz oder fehlenden systematischen Hebelwirkung, wie Aloui suggeriert”: Philip Scherenberg, Gründer und Geschäftsführer der Komplizen. Foto: Die Komplizen

Gastbeitrag

Am 19. Mai wurde an dieser Stelle ein Interview mit Michel Aloui, Gründer des Social Lab, veröffentlicht. Seine Botschaft: „Mehr Humboldt, weniger Projektitis“ im Bildungsbereich. Gewiss brauchen wir mehr Maßnahmen, die wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Und tatsächlich gibt es Projekte, die nicht langfristig angelegt sind und keinen Mehrwert bringen. Ärgerlich ist, dass Herr Aloui hier pauschal Mentoring-Programme als Beispiel anführt.

Vor acht Jahren haben wir „Die Komplizen: Mentoring für Schüler gGmbH“ gegründet, die seither stetig wächst. Mentoring bezeichnet die Tätigkeit eines Menschen, der sein Wissen und seine Erfahrung an einen anderen Menschen weitergibt. Bei uns sind die Mentoren junge Berufstätige, die bedürftige Schüler über einen längeren Zeitraum in individuellen Gesprächen bei der Berufs- und Lebensplanung ehrenamtlich unterstützen. So entsteht eine tragfähige Beziehung, die im Idealfall über das Programm hinaus bestehen bleibt. Der Schüler erhält Einblicke in den beruflichen Werdegang und die Berufserfahrung seines Mentors. Er erlangt Zugang zu seinem Netzwerk und lernt verschiedene Arbeitsplätze kennen. Dadurch werden die Abbruchquoten von Ausbildung und Studium verringert und die Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems erhöht. Die Wirksamkeit dieses 1:1-Austausches wurde in unserer Umfrage „Nachhaltige Wirkung des Komplizen-Programms“ jüngst bestätigt.

Voraussetzung für ein funktionierendes Mentoring ist die Einbindung aller Stakeholder: Schule, Lehrer, Kommune, Eltern ebenso wie die Arbeitsagenturen und Kammern. Hinzu kommen die Programmanpassung an den individuellen Standortbedarf zur Entlastung der Schulen, die Motivation und Professionalität des Teams sowie die Positionierung als verlässlicher Partner. Gerade weil die Komplizen ein außerschulisches Programm mit hohem Identifikationspotenzial für die Teilnehmer anbieten, gerade weil wir viel Arbeit in die kontinuierliche Vernetzung mit der lokalen Wirtschaft stecken und es uns immer wieder gelingt, junge, motivierte Berufstätige als ehrenamtliche Mentoren zu gewinnen, sind wir so erfolgreich.

Unsere Probleme liegen also nicht in der mangelnden Effizienz oder fehlenden systematischen Hebelwirkung, wie Aloui suggeriert. Unser Problem liegt vielmehr in der föderalistischen Struktur des Bildungswesens. Da unser Programm für die Schüler kostenfrei sein soll, sind wir auf öffentliche Förderung angewiesen. Obwohl wir bundesweit erfolgreich tätig sind, müssen wir mit jedem Programmdurchlauf immer wieder neue Gelder regional beantragen. So wird unser Elan vielerorts gebremst durch die hochkomplexe Projektbeantragung und Abrechnungssystematik der Förderpartner.

„Projektitis“ entsteht als Folge kurzfristiger Finanzierungshorizonte der Projektpartner. Ein nachhaltiger Aufbau innovativer sozialer Strukturen wäre ohne private Mittel und erheblichen persönlichen Einsatz der Akteure nicht möglich. Aus meiner Sicht geht es in diesem Fall also nicht notwendigerweise nur um die systematische Veränderung aller Bildungsstrukturen. Vielmehr gilt es, konsequent im Rahmen des bestehenden Systems ganz pragmatische Hilfe und Entlastung zu organisieren, damit z.B. die Institution Schule überhaupt funktionieren kann und die heutige Schülerschaft auf ein gutes und gelingendes Leben als mündige Bürger vorbereitet wird.

Philip Scherenberg, geboren 1974, ist Gründer und Geschäftsführer von Die Komplizen. Der Wirtschaftswissenschaftler hat zunächst für ein Internet-Lifestyle-Magazin gearbeitet und anschließend Philosophie studiert und in Medienethik promoviert, bevor er im Jahr 2005 das gemeinnützige Unternehmen Die Komplizen gründete. Seitdem ist er als Social Entrepreneur mit verschieden Projekten im Bildungsbereich tätig, zuletzt als Mitgründer des Joint Ventures “Rock Your Life-Akademie” in München.