Sie teilen Bett, Büro und einen Traum: Wenn Paare gemeinsam ein Unternehmen gründen, kommt das Privatleben oft zu kurz – oder es entstehen neue Geschäftsideen.

Von Till Daldrup

Als Sarah Seeliger und Julius Bertram das erste Mal aufeinandertreffen, sitzt sie in Tränen aufgelöst neben ihm in der Bahn. Eigentlich wollte er sie nur auf seinem Wochenendticket mitnehmen, nun muss er plötzlich Tröster sein. „Mein Freund hatte mich gerade verlassen und Julius hat mir dann gut zugeredet“, sagt Sarah Seeliger heute. „Er ist halt ein smarter Typ.“

Schnell werden Seeliger und Bertram nicht nur ein Liebes-, sondern bald auch Unternehmerpaar: 2012 gründen sie gemeinsam das Start-up Kirondo, einen Internetmarktplatz für Second-Hand-Kinderkleidung. 2013 folgt das Kinderbücherabo Librileo. Die Idee dazu ist aus eigener Not geboren: „Wir haben so viel gearbeitet, dass wir keine Zeit mehr hatten, die Bücher für unsere zwei Kinder selbst auszusuchen“, sagt Seeliger.

Familie, Unternehmen, Beziehung: Für junge Gründerpaare bleibt da oft keine Zeit zum Verschnaufen. Und trotzdem wagen viele den Schritt zum gemeinsamen Unternehmen. Denn ein Geschäftsteam mit dem Partner bietet Vorteile: „Wir können ganz anders miteinander umgehen als mit gewöhnlichen Geschäftspartnern“ sagt Julius Bertram. „Wir kennen uns und können ohne Furcht miteinander reden.“

Diese Erfahrung hat auch Helmut Becker gemacht: Schon seit 25 Jahren arbeitet er mit seiner Frau Marianne zusammen – zunächst im Marketing, mittlerweile als Berater für Unternehmerehepaare. „Wir haben uns gedacht, mit unserer langjährigen Erfahrung als Unternehmerpaar sind wir prädestiniert, unser Wissen weiterzugeben“, sagt er.

Die Beckers zeigen anderen Paaren, wie sie effizienter und harmonischer zusammenarbeiten können. Dazu untersuchen sie verschiedene Beziehungsfaktoren anhand von Fragebögen: Haben die Partner die Möglichkeit, gemeinsam neues zu lernen und sich zu entwickeln? Wissen sie die Stärken des Partners zu schätzen? So könnten sie nach der Ursache für Konflikte in der Beziehung suchen, so Becker. „Wichtig ist für Geschäftspaare, Berufliches und Privates voneinander zu trennen“, sagt er. „Sie müssen sich auch mal gemeinsam eine Auszeit von der Firma nehmen.“

Dass das nicht immer einfach ist, wissen Martina Schad und Jim Kallarackal: Die Biochemikerin und der Quantenphysiker gründeten im Jahr 2011 das Biotech-Start-up Oaklabs, mit dem sie sich auf computerbasierte Gentests spezialisiert haben. Seitdem arbeiten sie permanent an ihrem gemeinsamen Projekt – auch nachts und am Wochenende.

„Wir haben im Prinzip kein Privatleben, auch beim Abendbrot reden wir dauernd über das Unternehmen“, sagt Martina Schad. Sie kümmert sich bei Oaklabs um den Vertrieb und die Auftragsabwicklung, ihr Partner Kallarackal um die Finanzen und die Entwicklung. „Wir brauchen wohl langfristig jemanden, der uns ein wenig Arbeit abnimmt.“ Dass die beiden trotz der hohen Belastung gut zusammenarbeiten, liege an ihren unterschiedlichen Charakteren, sagt Jim Kallarackal. „Jeder von uns hat ganz unterschiedliche Fähigkeiten und kann sich auf seine Aufgabe im Unternehmen konzentrieren – und sich im Gegenzug auf den anderen verlassen.“

Wenn die Liebe endet, muss das Geschäft neu geordnet werden

So harmonisch läuft es jedoch nicht bei allen Unternehmerpaaren: Wenn der Haus- und Bürosegen schief hängt, kann der Besuch eines Paartherapeuten wie Olaf Schwantes helfen. Er unterstützt Unternehmerpärchen, die beruflich und privat ständig in Streit geraten. „Da ist meist etwas in Ungleichgewicht geraten“, sagt Schwantes. „Das Liebespaar wird häufig für die Geschäftsbeziehung geopfert.“ Oft lassen sich solche Probleme durch Gespräche und feste Absprachen regeln, doch in einigen Fällen stößt auch Schwantes an seine Grenzen. „Wenn nichts mehr zu retten ist, muss ich fragen: Wollt ihr euch immer weiter die Köpfe einhauen, oder suchen wir nach einer vernünftigen Lösung für das Problem?“ Denn wenn die Liebe endet, muss auch die Geschäftsbeziehung neu geordnet werden.

Wie das funktionieren kann, zeigte das Unternehmerpaar Benedikt und Angelika Taschen: Gemeinsam haben sie seit Mitte der Achtziger Jahre den Taschen Verlag für Kunstbücher aufgebaut, Mitte der Neunziger heirateten sie. 2004 ließen sich die wieder scheiden – und arbeiteten trotzdem noch über fünf Jahre im Verlag zusammen. „Das ist aber nur möglich, wenn auch der Wille zur Kommunikation und zur Problemlösung da ist“, sagt Olaf Schwantes. Und wenn es hart auf hart kommt, folgt dem Gang zum Paartherapeuten der Weg zum Scheidungsanwalt.

Denn wenn der Fall der Trennung im Vorfeld nicht genau geregelt ist, beginnt oft das Zerren um die gemeinsame Firma – und zunächst vernachlässigte Fragen werden plötzlich wichtig: Wenn zum Beispiel nur einer der Ehepartner Inhaber der Firma ist, muss dieser im Scheidungsfall eine hohe Ausgleichszahlung an den anderen leisten. Ist dann kein freies Firmenkapital vorhanden, gerät das gemeinsame Unternehmen in Gefahr. Deswegen empfiehlt die Rechtsanwältin und Notarin Eva-Maria Backmeister einen Ehe- oder Partnerschaftsvertrag aufzusetzen, der den Trennungsfall regelt: „Sie würden sich ja auch nicht in ein Auto ohne Airbag setzen.“

An eine Trennung oder gar Aufteilung des Unternehmens verschwenden die Gründer Sarah Seeliger und Julius Bertram von Librileo aber keine Gedanken. „Wir kennen einander sehr gut“, sagt Bertram. „Und das ist eine Verbindung auf Vertrauensbasis.“