Joel Kaczmarek hat etwas getan, was längst überfällig war: Er hat ein Buch über die Samwers geschrieben. Zum richtigen Zeitpunkt – und noch dazu eines, das man kaum aus der Hand legen kann.

Vor gut drei Jahren hat Joel Kaczmarek Oliver Samwer noch ehrfürchtig gratuliert. Damals war Kaczmarek Chefredakteur des Online-Magazins Gründerszene, das Samwer zum „Gründer des Jahrzehnts“ erkoren hatte. Kaczmarek überreichte dem Unternehmer vor laufender Kamera einen Pokal und überließ ihm auch noch etwas ehrerbietig das Mikrofon, worauf Samwer ungebremst drauflos schwadronierte: Arbeit, Glück und natürlich Bescheidenheit, ja, das seien die Erklärungen für seinen Erfolg.

Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt hat Joel Kacmarek ein Buch mit dem Titel „Die Paten des Internets“ über die Samwers geschrieben, das sich von einer Huldigung stellenweise so sehr unterscheidet wie Schläge von Streicheleinheiten. Immer wieder wird zwar Anerkennung deutlich: Oliver Samwer und seine Brüder und Marc gehören „zum Besten, das die deutsche Internetbranche zu bieten hat“, urteilt Kaczmarek und würdigt die unbestrittenen Erfolge des Gründertrios. Aber Sympathie für die drei kann man nach diesem Buch kaum noch aufbringen – und selbst der Respekt vor ihrer unternehmerischen Leistung schrumpft im Angesicht des hohen Preises, den auch andere offenbar dafür bezahlt haben.

Das Mikrofon hat Kacmarek in diesem Buch glücklicherweise nicht mehr den Samwers überlassen. Nach eigenen Worten hat er erst am Ende seiner Recherchen kurz mit Oliver Samwer gesprochen –um zu vermeiden, „dass sie ihren aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern womöglich einen Maulkorb anlegen“. Stattdessen beschreibt er die Brüder und ihre Erfolge anhand zahlreicher Quellen, zitiert gelegentlich aus internen Dokumenten und lässt ansonsten andere über die Samwers auspacken – darunter enttäuschte Partner, geprellte Mitarbeiter, vergrätzte Freunde. Menschen, die über den „krankhaften Ehrgeiz“ der Samwers klagen und über gebrochene Versprechen. Über die „cholerischen Tobsuchtsanfälle“ von Oliver Samwer, der gerne mal vor lauter Wut Computer vom Tisch fegt oder bei „Flugzeugträgeransprachen militärisch gefärbte Monologe“ hält.

Joel Kaczmarek ist Herausgeber des Online-Magazins Gruenderszene.de, das er von 2009 bis 2013 als Chefredakteur leitete. Außerdem ist er Mitgründer des Startups Sessionbird. Oliver Samwer sieht in ihm eine der "zentralen Figuren der deutschen Internetszene". (Foto: Presse, www.indivijoel.de )

Joel Kaczmarek ist Herausgeber des Online-Magazins Gruenderszene.de, das er von 2009 bis 2013 als Chefredakteur leitete. Laut Oliver Samwer ist er eine der „zentralen Figuren der deutschen Internetszene“. (Foto: Presse, www.indivijoel.de )

„Ein wenig wie in Diktaturen“

Überhaupt fällt auf, wie oft Wegbegleiter Oliver Samwer mit Militärs oder gar Diktatoren vergleichen: Mitarbeiter packen aus, dass Telefonate mit dem laut schreienden Samwer intern abfällig als „Hitler Calls“ bezeichnet wurden; sie berichten von seinen „Erfüllungsgehilfen“ und den „Samwer-Schergen, die durch ihren herablassenden Befehlston auffallen“; sie beschreiben den Unternehmer als jemanden, der andere Mitarbeiter dazu bewegt, „latent sadistische Tendenzen zu entdecken und auszuleben“ bis sie andere „quälen und schikanieren“ – „ein wenig, wie in Diktaturen“. In dieses Bild fügt sich jene viel zitierte „Blitzkrieg“-E-Mail von Oliver Samwer so gut ein, dass man ihm seine spätere Entschuldigung dafür eigentlich nur noch schwer abnehmen kann.

Samwers Fürsprecher wirken demgegenüber etwas verloren. Etwa Martin Weber, General Partner von Holtzbrinck Ventures, der Samwer „weder als Selbstoptimierer, noch als skrupel- und rücksichtslos“ erlebt hat und deswegen bezweifelt, „ob all die kritischen Statements, die über die Samwers die Runde machen, auch der Realität entsprechen“.

Kaczmareks Buch über das Samwer-Trio ist gerade rechtzeitig erschienen: Das Samwer-Unternehmen Zalando steht vor dem Börsengang. Und quasi zeitgleich berichtete die WirtschaftsWoche über die Geschäfte der „drei glorreichen Halunken“ und das ZDF widmete ihnen eine große und umstrittene Dokumentation. Doch anders als die ZDF-Sendung „Frontal 21“ hält Kaczmarek sich nicht damit auf, den Samwers vorzuwerfen, dass sie mit Zalando die Boutique von nebenan kaputt machen oder mit ihren Unternehmen zeitweilig kräftige Verluste einfahren. Er beschreibt ihre Stärken und Strategien und konzentriert sich auf das, was man ihnen wirklich vorwerfen kann: Dass sie „menschgewordene Umsetzungsmaschine“ sind, „schamlose Executers“, die ihre Unternehmen gewissenlos mit einer „Hire- and Fire-Mentalität führen“ und die Schwächen von Gegnern wie Partnern eiskalt ausnutzen; mitunter am Rande der Legalität.

„Menschlichkeit ausgeklammert“

So ist ein Buch herausgekommen, das hält was es verspricht: Kaczmarek wollte sowohl eine Biografie der Brüder und eine Dokumentation ihrer Geschäfte, als auch eine „Reise durch die Geschichte der deutschen Internetwirtschaft“ liefern. Er beschreibt Geniestreiche und Eskapaden und erzählt Anekdoten – etwa, wie Oliver Samwer bei der Musterung einen Geisteskranken gemimt haben soll und sich so erfolgreich vor dem Wehrdienst drückte. Nebenbei erklärt Kaczmarek, wie Internetfonds und Inkubatoren funktionieren, listet übersichtlich die Investments der Samwers auf und bietet ein Glossar, das szenefremden Lesern die Gründerwelt erklärt. Vor allem aber liest sich Kaczmareks Buch ein bisschen so wie sich der „Wahnsinnsritt“ anfühlen muss, den die Samwers in weniger als zwei Jahrzehnten hinter sich haben und der sie zu den erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Internet-Unternehmern der Republik machte.

Das Buch erzählt die Gründung des Ebay-Klons Alando minutiös nach und beschreibt wie der „Kopist Oliver Samwer geboren wurde“; es erklärt, warum die Klingeltonschleuder Jamba die Blaupause für spätere Gründungen lieferte und StudiVZ den Ruf der Samwers als „ruchlose Geldgeber“ begründete. Es führt die Leser durch die Büros des European Founders Fund und nimmt sie mit nach Chicago, zu Groupon, dem die Samwers laut Kaczmarek zu raketenhaftem, aber wenig nachhaltigem Wachstum verhalfen – mit Knebelverträgen, Drückerkolonnen und „einer Form des Unternehmertums, die Menschlichkeit komplett ausklammerte.“ Und dann, wenn man schon fast schwört, niemals Aktien von Zalando zu kaufen, aus Sorge es könnte ähnlich abstürzen wie Jamba oder Groupon, dann beschreibt Kaczmarek wie bei dem Online-Schuhhändler alles strukturierter und nachhaltiger läuft – weil die Samwers es anfangs wenig beachteten und der weitsichtige Alexander Samwer die Geschicke lenkte.

Der Leser erlebt die ersten ernüchternden Gehversuche von Rocket Internet und kann nachvollziehen, wie jener Inkubator erst zur „Fließbandkopiermaschine“ wurde und sich dann in das „Meisterstück“ der Samwers verwandelte, das weltweit „Gründungen nach Blaupause“ hochzieht. Mit Mitarbeitern, die zu funktionieren haben wie „stressresistente Soldaten ohne Namen und Gesicht“ – während Oliver Samwer durch die Welt reist und das Unternehmen „per Telefon“ steuert. Ganz wie ein „Unternehmer chinesischer Prägung“, für den Ideenklau nicht verwerflich ist und der seine Mitarbeiter knechtet, als wären sie Maschinen.

„Der Beste sein, das Beste besitzen“

Einer der wenigen Vorwürfe, die man Kaczmarek machen kann, ist, dass er sich mitunter wiederholt: Etwa, wenn er mal wieder beschreibt, dass Oliver Samwer bis „zum Umfallen“ arbeitet und sich selbst genauso fordert wie seine Mitarbeiter; dass er und seine Brüder gefühlskalt und berechnend sind und auf ihren eigenen Vorteil bedacht; dass sie die anderen wie „Bauern auf einem Schachbrett“ hin und her schieben, „Menschenfängerqualitäten“ besitzen, und dass sie offenbar wenig von dem haben, was man in Deutschland ehrbare Kaufleute nennt. Dabei entzaubert Kaczmarek allerdings auch den Mythos vom sparsamen Oliver Samwer, der in der Gründerszene kursiert: „Immer der Beste zu sein, das Beste zu besitzen und zur exklusiven Elite zu gehören, ist ein zentraler Wert Oliver Samwers.“

Wer das Buch gelesen hat kann nur noch mit dem Kopf schütteln, wenn Oliver Samwer sich im ZDF als „Schrauben Würth des Internet“ darzustellen versucht – mit Fleiß, Mut, Glück und Bescheidenheit. Ganz ähnlich wie er es im Interview mit Joel Kaczmarek vor drei Jahren getan hat – wohl nicht ahnend, wie der ihn später einmal auf fast 400 Seiten enttarnen würde.

Die Paten des Internets ist im Finanzbuchverlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

Die Paten des Internets ist im Finanzbuchverlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

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