Der Inkubator Rocket Internet der drei Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Startup-Brütern Europas. Ausgerechnet eine Gruppe von wichtigen Mitarbeitern macht dem Trio nun mit einer eigenen Startup-Fabrik Konkurrenz. Das dürfte die Samwers zwar ärgern, nicht aber ihren Erfolg gefährden.

Oliver Samwer weiß ganz genau, wie wichtig ein gutes Team ist. Ende vergangenen Jahres veröffentlichte das US-Magazin TechCrunch eine E-Mail des Internet-Investors und Web-Millionärs, in der er einige seiner Manager aufforderte, mithilfe einer „Blitzkrieg-Strategie“ neue Märkte zu erobern und ihre Pläne „mit Blut zu unterschreiben.“ Eine Wortwahl, für die er sich später entschuldigte – zumindest bei der Öffentlichkeit. „Was ihr braucht, aber nicht habt“, schrieb er seinen Managern darin auch, „sind mehr Top-Leute“. Und: „Findet junge, aggressive, clevere Talente.“

Ausgerechnet die besten Talente gingen Oliver Samwer und seinen Brüdern Alexander und Marc kurz darauf von der Fahne: Ende vergangenen Jahres verließen etwa 20 Top-Mitarbeiter Samwers Berliner Startup-Fabrik Rocket Internet, die dafür bekannt geworden ist, erfolgreiche Geschäftsmodelle aus den USA blitzschnell zu klonen, groß zu machen und zu verkaufen. Unter den Abtrünnigen ist zum Beispiel Christian Weiss, Mitgründer von Rocket Internet.

Damit nicht genug. Nun machen die ehemaligen Samwerkrieger dem Trio auch noch Konkurrenz und gründen ein eigenes Schlachtschiff: Den Inkubator „The Oryx Project“; das Startkapital in Millionenhöhe kommt vom Versandriesen Otto. Von einem „großen Drama“ ist in den Medien die Rede, von einem kritischen Umbruch bei Rocket Internet. Also der Anfang vom Ende des Samwer-Imperiums?

Nein. Denn Oliver Samwer wäre nicht Oliver Samwer, wenn ihn das wirklich aus der Bahn werfen würde.

Erstens haben immer mal wieder wichtige Partner und Mitarbeiter den Brüdern die Zusammenarbeit aufgekündigt; schon als die drei zur Jahrtausendwende noch den Klingeltonanbieter Jamba aufbauten verließ einer der Mitgründer „aus persönlichen Gründen“ das Unternehmen und baute lieber eigene Firmen auf. Nur ein Beispiel.

Zweitens hat sich Samwer – nach eigenen Worten der “aggressivste Typ im Internet auf dem Planeten” – bisher offenbar kaum für seinen Ruf bei ehemaligen Partnern und den eigenen Mitarbeitern interessiert; jedenfalls weniger als für erfolgreiche Exits sowie Umsatz- und Verkaufszahlen. Das wissen auch andere Wagnisfinanzierer, die gerne mit viel Geld einsteigen, wenn die Samwers ein neues Schiff zu Wasser lassen. Auch ihnen geht es nicht in erster Linie um Harmonie, sondern um den Ertrag ihrer Investments.

Damit der Ertrag stimmt braucht Rocket natürlich Talente. Aber die wird die Startupfabrik auch weiterhin kriegen. Denn drittens haben die Samwer-Brüder dazu beigetragen, dass sich heute immer mehr junge Hochschul-Absolventen dafür interessieren, ihr eigenes Internet-Unternehmen aufzubauen. Auch wenn Oliver Samwer sich in den vergangenen Jahren Interviews zumeist verweigert hat: Auf Veranstaltungen wie dem IdeaLab an seiner früheren Uni, der WHU, war er immer wieder zu Gast. Kürzlich wählte ihn eine 31-köpfige Jury sogar zum “Gründer des Jahrzehnts“. Vielen Nachwuchs-Entrepreneuren dürften die Brüder also trotz aller Kritik auch weiterhin als Vorbilder und Rollenmodelle gelten.

Bei Rocket anzuheuern bleibt also erstrebenswert, auch wenn es offensichtlich wehtun kann, dort auf Dauer zu arbeiten. Aber es lohnt sich. Auch das zeigt der Abgang der Top-Manager: Wer mit den Samwers zusammengearbeitet und sich bei Rocket einen Namen gemacht hat, kann danach durchaus ein eigenes Unternehmen auf die Beine stellen. Oder eben einen Inkubator wie Oryx, der die boomende Gründermetropole Berlin eher bereichern als den Erfolg der Samwers gefährden dürfte.

Wer jetzt also den Anfang vom Ende der Samwers heraufbeschwört, irrt. Dass es angesichts von Kündigungswelle und Kritik zu einem Neuanfang im Umgang mit Managern und Mitarbeitern im Hause Rocket kommt ist aber genauso unwahrscheinlich.