Rücksichtslose Plattenbosse, Knebelverträge, mäßiger Erfolg: Diese vier Gründer haben eine Vision, wie sie die Musikindustrie künstlerfreundlicher machen wollen.

Von Laura Waßermann

Schwarzer Anzug, weißes Hemd: Mickael Pinto steht auf der Stage L, der abgelegensten Bühne bei der Re:publica. Er erzählt von den „Bad guys“, den bösen Plattenbossen, spricht darüber, wie teuer das Marketing für Künstler ist. Für sie zu schwärmen soll in der Musikbranche nicht (mehr) die Regel sein. Auf Profit und Erfolg käme es an. Pinto muss es wissen. Er hat bis 2014 bei der Universal Music Group gearbeitet. Dort hat er neue Geschäftsmodelle entwickelt, bevor er selbst zum Geschäftsmann wurde. „Wir wollen die Musikbranche in Europa aufmischen, indem wir mehr Menschen, die Möglichkeit geben, Musik zu machen“, sagt er nach seinem Kurzvortrag bei der Session „Start-ups in Musictech“.

Pinto ist einer von fast 900 Speakern bei der Republica 2016, der größten Internetkonferenz Europas, die aktuell zum zehnten Mal in Berlin stattfindet. Das Jubiläum ist das Motto: Wie haben wir die Vergangenheit gestaltet? Wie wollen wir die Zukunft gestalten? In jeder Session, so werden bei der Republica die Vorträge genannt, sprechen die Redner den Geist der Zukunft an und wie sie ihn mitbestimmen wollen. Unter ihnen sind unter anderem Journalisten, Blogger, Politiker oder eben Gründer.

Rolle des Internet mitbestimmen

Die Diskussion findet jedoch nicht nur in den Panels statt. Es ist warm in Berlin an dem ersten Tag der Republica. Es ist ein Klassentreffen der Nerds, Noops und Geeks, die alle dasselbe Ziel haben: eine gesunde Internet-Gesellschaft. Weil die Sonne scheint, halten sich (gefühlt) mehr Menschen im Innenhof auf als im Innern der Station Berlin, einem stillgelegten Bahnhofsgebäude aus dem 19. Jahrhundert. Es wird getratscht, sich ausgetauscht, sich weiter empfohlen.

Auch Mickael Pinto, Gründer der sozialen Plattform WAM (We are music) will die Rolle des Internets mitbestimmen – eben hinsichtlich der Musikbranche, wie er auf Stage L verkündet. WAM soll Künstler mit Künstlern und Künstler mit Musikprofis verbinden. Es ist eine Community. Es gebe derzeit rund 20.000 unabhängige Musiker, 70 Prozent ohne Plattenvertrag. „Für ein Musikprojekt braucht man viele verschiedene Fähigkeiten und Facetten“, sagt Pinto. Ein Musiker alleine könne das nicht schaffen, hier käme WAM ins Spiel.

Community-basiert ist auch das Start-up von Vanja Steinholtz: Soundtrap. Die studierte Musikerin aus Stockholm ist auf die Idee gekommen, ein cloudbasiertes Aufnahmestudio zu gründen, um so Musiker in der ganzen Welt zu verbinden. „Kreativ sein, wo immer du willst“, sagt Steinholtz zur Vision von Soundtrap. Oft bekämen Musiker Inspiration in den seltsamsten Situationen, heute müsse er nicht mehr warten, bis er 30, 45, 60 Minuten später im Studio stände.