Die Beteiligungsgesellschaft Atomico untersucht den europäischen Tech-Markt – und sieht neben Rekordwerten bei Personal und Kapital einen neuen Wettbewerbsvorteil.

Ein neuer Rekord und viele Komplimente für die gesamte Branche: Das sind die ungebrochen optimistischen Erkenntnisse der Beteiligungsgesellschaft Atomico. Gemeinsam mit der finnischen Technologiekonferenz Slush ließ Atomico die europäische Digitalszene durch Daten und Interviews vermessen. Heute wird der Report unter dem Titel State of European Tech veröffentlicht.

Bei den Investitionen in europäische Tech-Unternehmen sieht Atomico die Branche auf klarem Rekordkurs: „Wir sind auf dem Weg, 19 Milliarden US-Dollar an Investments in Digitalfirmen in diesem Jahr zu sehen“, sagt Tom Wehmeier, Partner und Head of Research bei Atomico, im Gespräch mit WiWo Gründer. Nach der Rechnung der Beteiligungsgesellschaft waren es im Jahr zuvor nur 14,4 Milliarden Euro. Hinter Großbritannien und knapp vor Frankreich belegt Deutschland dabei mit aktuell investierten 2,5 Milliarden US-Dollar den zweiten Platz.

Lange galt die kleinteilige europäische Landkarte im Vergleich zu den USA als hinderlich, um schnell große Digital- und Tech-Unternehmen aufzubauen. Das habe sich geändert, argumentieren die Studienautoren: „In der Software-Welt verschwinden die Grenzen“, sagt Wehmeier, „die Chance, ein europäisches Unternehmen zu sehen, dass seine Branche neu definiert, war nie höher als heute“. Gerne verweist Wehmeier in dem Kontext auch auf Start-ups, die an der Schnittstelle von Hard- und Software agieren: Drohnen, autonome Fahrzeuge, neue Luftfahrkonzepte – schließlich gehört Atomico auch zu den Investoren des elektronischen Lufttaxis Lilium aus München.

Wettbewerb um Talente und Gesetze

Immer wieder beklagen Industrie und Start-ups Probleme, die richtigen Talente – insbesondere Software-Entwickler – für das schnelle Wachstum zu finden. Auch hier kommt der Atomico-Report jedoch zu optimistischeren Ergebnissen. „Das europäische Ökosystem profitiert eindeutig von der umfangreichen Pipeline an Talenten“, sagt Wehmeier. 5,5 Millionen Entwickler – verglichen mit 4,4 Millionen in den USA – weist der Report aus und bezieht sich dabei auf Daten der Programmierer-Plattform Stack Overflow.

Deutschland sticht hier sogar alle anderen Märkte aus: Knapp 840.000 professionelle Entwickler sollen demnach hierzulande zur Verfügung stehen. Nur Großbritannien kann mit dieser Masse mithalten, in Frankreich, Russland und den Niederlanden sollen es jeweils nur etwa die Hälfte der Programmierer sein.  „Wir brauchen in den kommenden Jahren sicherlich mehr Talente und wir dürfen mit unseren Bemühungen nicht ruhen – aber wir bewegen uns in die richtige Richtung“, sagt Wehmeier im Gespräch mit WiWo Gründer.

Eine weitere große Chance für Europas Tech-Ökosystem, sich weiterhin auf Erfolgskurs zu bewegen, haben die Studienautoren in dem Thema Regulierung ausgemacht. Wehmeier rechnet damit, dass europäische Regierungen sich bemühen werden, verlässliche Gesetzgebungen zu schaffen oder anzupassen, um Tech-Unternehmen anzuziehen. Als Beispiel könnten etwa Themen wie Blockchain, Künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren dienen. „Wenn das ein Wettbewerbsvorteil wird, werden anderen Länder nachziehen“, so Wehmeier.