Ungewissheit gehört zum unternehmerischen Handeln. Ein Gastbeitrag von René Mauer, Professor an der Wirtschaftshochschule ESCP Europe.

Es liegt in der Natur der Sache: Etwas Neues in die Welt zu bringen, ist mit Ungewissheit verbunden. In dynamischen und unsicheren Märkten gilt das heute nicht nur für Unternehmensgründungen, sondern umso mehr auch für unternehmerisches Handeln.

Ungewissheit lässt sich allerdings weder verlässlich noch genau messen oder gar vorhersagen. Schlimmer noch: sie ist hochgradig subjektiv.

Viele Unternehmensprozesse basieren jedoch auf Vorhersage und Planung. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Tools und Methoden, die alle unternehmerische Praxis abbilden: Design Thinking, Lean Start-up, Business Model Innovation oder auch agiles Management.

Bei diesen Methoden steht das Tun, Handeln, Gestalten, Testen, Entscheiden und Iterieren im Vordergrund –das wiederholte Durchlaufen von Schleifen in einem Prozess.

Ursache für dieses Muster bei den Methoden: Märkte verändern sich rasch, neue Märkte, Produkte und Dienstleistungen sollen erschlossen werden oder es stehen andere Herausforderungen an, für die es weder Erfolgswahrscheinlichkeiten noch einen Präzedenzfall gibt.

Ein Beispiel: Wenn an der Straßenecke eine Bäckereifiliale aufmacht, sind sich viele einig, dass das nur bedingt mit Ungewissheit zu tun hat. Eine solche Gründung ist nicht wirklich innovativ, viele Aspekte sind wissbar. Fazit: Es handelt es sich um eine Situation moderater Ungewissheit.

Wenn nun aber ein Start-up die Blockchain-Technologie, also die netzwerkbasierte, mehrheitliche Verifizierung von Daten oder Informationen, einsetzen will, um beispielsweise die politische Teilhabe der Bevölkerung zu verbessern, würden wohl die meisten von einem unternehmerischen Vorhaben mit hoher Ungewissheit sprechen.

Wie genau sieht das Produkt aus? Wer wäre hier Nutzer? Wer Kunde? Wie würden Umsätze erzielt? Und nicht zuletzt: Wie würde Wert geschaffen?

Was nicht planbar ist, muss gestaltet werden

Klassische Herangehensweisen versagen hier. Unternehmerisches Handeln bedarf hier einer Ungewissheitskompetenz. Anstatt jede Situation bis ins Detail zu planen, ist es besser, sich dem Unerwarteten zu stellen, sich sogar aktiv Zufällen auszuliefern, und schnell in erkundendes Handeln zu kommen.

Die oben genannten Methoden erhalten wissenschaftlich Untermauerung durch eine neu entstehende Theorie aus der Entrepreneurshipforschung: Effectuation. Statt fester Ziele, Vorhersagen oder Strategien, stehen hier eigene Mittel, Partnerschaften und der Zufall im Zentrum.