Neues Jahr, neue Vorsätze. Wer dauernd im Stress ist, findet jetzt vielleicht Zeit zum Nachdenken – zum Beispiel über Führung. Darüber spricht Philosoph Birger Priddat in Teil Eins unserer Serie.

Als Philosoph und Ökonom forscht Birger Priddat unter anderem zur Modernisierung von Gesellschaft und Wirtschaft und hinterfragt die Potentiale der Ökonomie. Der 67-Jährige ist seit Anfang 2017 Seniorprofessor für Wirtschaft und Philosophie an der Privatuniversität Witten/Herdecke. Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer verrät er, worüber Unternehmer viel zu selten nachdenken.

Herr Priddat, was haben Unternehmer mit Philosophie zu tun?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Philosophie Gründer sehr begeistern kann, wenn sie sich darauf einlassen und die Gelegenheit haben, in Ruhe nachzudenken. Philosophisch nachzudenken heißt, nachher mehr Fragen zu haben als vorher. Die Philosophie will einen Denkfluss anstoßen, der den üblichen Tunnelblick erweitert. Viel zu wenige Gründer durchlaufen diesen Denkprozess. Manche haben Glück: Ihnen gelingt alles, ohne nachzudenken. Aber das ist die Ausnahme.

Welche Vorteile hat ein bewusster Denkprozess?

Unternehmer sein ist eine Sache von Wagnis, Mut und dem Glauben an eine Vision. Das Wesen des Unternehmers ist, dass er fünf Mal im Jahr schweißgebadet aufwacht, und nicht weiß, wie es weitergehen soll. Das muss man erstmal aushalten können. Da hilft das philosophische Denken, denn es schult die sogenannte spekulative Vernunft. Das heißt, für Gründer geht es nicht ums reine, wilde Spekulieren, aber auch nicht um reine Vernunft. Denn Unternehmer sein heißt, ein Wagnis einzugehen, das man selbst für vernünftig hält – auch wenn man das als Einziger so sieht. Dann müssen die Firmenchefs Leute finden, die ihnen Geld geben. Sie müssen Menschen davon überzeugen, mitzuarbeiten. Und danach gilt es, die Kunden überzeugen.

Wie gelingt diese Überzeugungsarbeit?

Das Start-up muss erst einmal eine gute Story liefern. Das heißt, das Unternehmen muss mit all seinen Risiken und Chancen plausibel erscheinen. Dafür müssen Gründer erst einmal reflektieren: Was machen wir hier eigentlich? Wenn man versteht, was man ist, sieht man die Dinge relativ klar. An diesen Punkt kommen Unternehmer allerdings nicht automatisch, weil in der Frage gefährliche Konflikte verborgen sind. Wer Dinge verstehen will, muss diese Konflikte offenlegen. Start-ups, die den Reflexionsprozess ausprobieren möchten, nehmen sich am besten einen Mediator zu Hilfe. Sonst riskieren sie einen langfristigen Bruch im Team. In so einer Phase zeigt sich dann, wer wirklich Unternehmer ist: die harten Sachen durchstehen und nicht flüchten.

Und wie gewinnen Chefs die Mitarbeiter für ihre Sache?

Die meisten jungen Gründer wissen nicht, was es heißt, eine Risikoorganisation hochzufahren. Ihnen fehlt die Erfahrung, wie man Menschen unter Risikobedingungen motiviert. Das machen sich viele Gründer gar nicht bewusst, weil sie so von ihrer Geschäftsidee begeistert sind. Damit Start-ups erfolgreich sein können, müssen wir die Gründer führungsstark machen. Denn sie lassen sich da auf etwas ein, was sie gar nicht können.

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