In Berlin suchte Angela Merkel die Nähe von Gründern, auf der CEBIT beschwor Philip Rösler die Kraft der Startups, am Freitag spricht der Wirtschaftsminister auf dem Berliner Startup Camp. Alles Wahlkampf – oder Auftakt zu einer neuen Gründerpolitik?

Vielleicht hat Thomas Jarzombek ja am besten erkannt, worum es eigentlich geht. Der CDU-Politiker ist einer der wenigen Unternehmer im Bundestag und stand in der vergangenen Woche auf der Bühne Kulturbrauerei in Berlin, im Saal Kanzlerin Angela Merkel, Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und 200 Jungunternehmer aus der Internetbranche. Jarzombek kritisierte den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und die rotgrüne Bundesratsinitiative, die Steuerbefreiung für Kapitalerträge aus Streubesitz aufzuheben. Das zeige „wo die Freunde und die Feinde sind“ und „dass hier Schlachten geschlagen werden müssen.“ Und dann sprach Jarzombek noch schnell eine Empfehlung aus: „Wer auch im nächsten Jahr aus der Gründerszene die Bundeskanzlerin treffen möchte, der muss im Herbst auch die Bundeskanzlerin wählen.“

Tatsächlich scheint es, als hätte die Regierung rechtzeitig zur Wahl die Gründerszene als Thema entdeckt. Im Februar reiste Rösler mit einer kleinen Delegation von Jungunternehmern ins Silicon Valley, im Mai will er es noch mal tun – dann gleich mit einem Flieger voller Gründer. Und Angela Merkel nahm sich vergangene Woche erstmals einen Nachmittag Zeit für eine Charmeoffensive in der Gründerszene, besuchte die Berliner Startups ResearchGate und wooga und folgte der Einladung von Lars Hinrichs und anderen Internet-Unternehmern in die Kulturbrauerei. „Wir haben alles getan, damit Gründer sich wohl fühlen können in Deutschland, wir haben einen Gründerfonds, wir haben eine Gründerinitiative auf die Beine gestellt“, pries Merkel die Arbeit ihrer Regierung als wäre sie auf Stimmenfang.

Alles Wahlkampf also?

Eher nicht. Auch wenn Fotos mit jungen, innovativen und erfolgreichen Gründern Merkel und Rösler gut zu Gesicht stehen, dürften sie die wenigsten Deutschen wirklich interessieren. Das Image von Unternehmern ist nicht gut genug, mit gemeinsamer Kuschelei Wahlen gewinnen zu können. „Es gibt attraktivere Themen, die deutlich massentauglicher sind als das hier“, formuliert es ein Berliner Gründer, „wenn Deutsche an Unternehmer denken, denken sie doch meistens: Die haben ohnehin schon genug Geld.“

Gerade deswegen ist es wichtig, dass die Politik anfängt, sich mit Gründern zu zeigen, ihnen zuzuhören und die Szene ernst zu nehmen – im Wahljahr, aber auch danach. In Berlin kündigte Merkel an, sich dafür einzusetzen, die „Willkommenskultur“ zu verbessern, damit Fachkräfte aus dem Ausland bei hiesigen Startups leichter Fuß fassen können. „Da kann in den verschiedenen bürokratischen Geschäftsgängen, die man zu erledigen hat, manches verbessert werden“, formulierte sie gewohnt technisch, „ich werde das mal bei den entsprechenden Stellen anbringen.“

Außerdem schlug Merkel vor, die Gründungsbedingungen in Europa anzugleichen, um einen einheitlichen „Gründungsakt zu schaffen, bei dem man weiß: Egal, ob ich nach Lettland gehe, nach Spanien gehe, nach Portugal gehe oder nach Deutschland, ich habe die gleichen Bedingungen, es gibt dann nur noch den Wettbewerb um die Talente und die beste Umgebung.“ Und sie deutete an, die Bedingungen für Investoren verbessern zu wollen. Wie die Regierung Wagniskapitalgeber von Startups fördern will, erklärte Rösler kurz darauf in der WirtschaftsWoche.

All das kommt in der Gründerszene überwiegend gut an und bewirkt, dass die Jungunternehmer anfangen, ihre Forderungen offensiver vorzutragen. Johannes Reck vom Buchungsportal GetYourGuide hat prompt einen Brief an die Kanzlerin formuliert, in dem er kurzerhand die Senkung von Steuern und Lohnnebenkosten und ein gelockertes Arbeitsrecht für Startups fordert. Und der Bundesverband Deutsche Startups nutzte die vergangene Woche, um Philipp Rösler eine detaillierte Agenda zu übergeben.

Am Freitag steht für Rösler beim Startup Camp in Berlin bereits die nächste Begegnung mit Gründern auf dem Programm. Danach müssen Merkel und er ihren Worten eigentlich nur noch Taten folgen lassen, wenn sie die Gründerszene im nächsten Jahr in ähnlich fröhlicher Runde wie am vergangenen Donnerstag wieder treffen möchten.