Das Spielprinzip von Pokémon Go ist nicht neu. Flaregames-Chef Klaas Kersting erklärt, warum er und andere damit vorher keinen Erfolg hatten – und was Pokémon besser macht.

Es ist lange her, dass ein Videospiel für solches Aufsehen sorgte. Die bunten Comicfiguren von Pokémon Go locken Millionen Fans weltweit auf die Straßen. Dabei ist das Prinzip, Computerspiele in die echte Welt zu holen und die virtuelle mit der realen Welt zu verknüpfen, nicht neu.

Mit Ingress hatte Pokemón-Go-Erfinder John Hanke vor drei Jahren schon ein sehr ähnliches Spiel entwickelt. Dessen Fans ziehen bis heute mit Smartphones durch die Straßen, um an Plätzen, Kirchen oder Denkmälern virtuelle Gegenstände einzusammeln und sich Gefechte zu liefern. Immerhin 258 Millionen Kilometer liefen sie im Vorjahr – für diese Strecke muss man 6500 Mal den Äquator umrunden.

Einer, der das Erfolgsrezept erklären kann, ist Klaas Kersting. Mit Gameforge baute er einen Online-Spieleanbieter mit mehr als 400 Millionen registrierten Nutzern und dreistelligem Millionenumsatz auf. Dann gründete er Flaregames und wollte Handyspiele für die reale Welt entwickeln. Die Handyspiele funktionieren. Nur an der Verknüpfung mit der echten Welt ist auch Kersting gescheitert.

Der Pokémon-Vorgänger Ingress blieb ebenfalls ein Nischenspiel. Warum wurde also ausgerechnet Pokémon zum Massenphänomen?

„Pokemón Go ist durch die Marke und das Sammelprinzip viel zugänglicher“, sagt Kersting. Vor allem die Markenbekanntheit von Pokémon sorge dafür, dass es viele probieren. So wird schnell eine kritische Masse an Nutzern erreicht, und die brauchen Spiele mit einer sozialen Komponente. „Das war einer der Punkte, an denen wir gescheitert sind“, sagt Kersting. Zudem sorge die Sammelmechanik dafür, dass viele Spieler dabei bleiben. Und: Die Komplexität von Ingress wird reduziert. Während dort zwingend zwei Teams gegeneinander antreten, kann man Pokémon Go bequem allein starten.

Es werden dutzende Pokémon-Go-Klone kommen

Kersting erwartet nun zahlreiche Pokémon-Go-Klone. Sein Unternehmen Flaregames arbeitet inzwischen als Publisher, der Spiele mit anderen Studios entwickelt und herausbringt. „Wir werden in diesem Jahr bestimmt 50 Entwickler sehen, die so etwas wie Pokémon Go versuchen“, sagt Kersting. Vor allem Adaptionen anderer Marken seien vorstellbar. Doch ob sie an den Erfolg anknüpfen können, ist zweifelhaft.

Denn der Überraschungshit ist kein Zufallstreffer. „Pokémon Go ist das typische Beispiel für einen Erfolg, der scheinbar über Nacht kommt, an dem aber 20 Jahre gearbeitet wurde“, sagt Kersting. Viele Teammitglieder des Entwicklers Niantic hatten zuvor an den Google-Maps-Grundlagen gearbeitet – denn Pokémon-Erfinder John Hanke ist auch der Vater von Google Earth.

Die Ansichten der Welt aus der Vogelperspektive entwickelte er einst mit seinem Start-up Keyhole, das von Google übernommen wurde. Dort war er auch für den Kartendienst und Streetview verantwortlich. Schon damals entstand die Grundidee für das heutige Massenphänomen. „Wir hatten damals schon Spiele im Sinn“, sagte Hanke einmal dem Spielemagazin Making Games. „Google-Gründer Sergej Brin hat uns ermutigt. Er dachte immer, es müsse ein Spiel innerhalb von Google Earth geben.“

Zudem würde das Spiel ohne die Infrastruktur von Ingress nicht funktionieren. Ein Kernelement sind die Pokestopps: Virtuelle Lager, an denen Spieler die Bälle zur Monsterjagd und andere Gegenstände einsammeln können. Sie sind an bekannten Sehenswürdigkeiten platziert.

Mehr als fünf Millionen gibt es davon, die Orte, Namen und dazugehörige Bilder wurden von den Ingress-Spielern in drei Jahren angelegt. So hatte der Entwickler Niantic die Basis, das Spiel im Rekordtempo weltweit auszurollen. Dabei nehmen die Macher auch in Kauf, dass es manche der dazugehörigen Sehenswürdigkeiten inzwischen gar nicht mehr gibt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil.