Vor einem Jahr hat Browser-Hersteller Mozilla den Inkubator WebFWD gestartet. Im Interview zieht Direktor Pascal Finette Bilanz und erklärt, warum das gemeinnützige Unternehmen Entwickler unterstützt ohne Anteile von ihnen zu verlangen und weshalb das auch für deutsche Gründer interessant ist. Außerdem spricht er darüber, was WebFWD vom europäischen HackFwd unterscheidet und wie Mozilla jeden Internetsurfer zum Herrn seiner Daten machen will.

Herr Finette, vor einem Jahr hat Mozilla mit WebFWD einen Inkubator für Gründer gestartet – warum dieser Schritt?
Finette: Weil wir gemerkt haben, dass außerhalb von Mozilla unheimlich viele Innovationen entstehen – angetrieben von Menschen, die wie wir an Innovation und an Open Source glauben. Wir haben gemerkt, dass Mozilla denen helfen kann. Also haben wir WebFWD hochgezogen. Damit können wir zehn Mal mehr Innovation schaffen als alleine – und das Internet so zu einem besseren Ort zu machen.

Wie genau hilft WebFWD Gründern?
Finette: Wen wir in den Inkubator aufnehmen, den fördern wir über zwölf Wochen. Acht Wochen lang bieten wir Trainings, Coaching und Kontakte zu Experten. Darauf folgt eine vierwöchige Phase, in der wir uns intensiv um das Unternehmen und sein Produkt kümmern. Diese Zeit reicht in der Regel aus, um zu erkennen, ob eine Idee fliegt oder nicht.

Wie gut muss eine Idee sein, damit sie fliegt?
Finette: Ich treffe immer wieder Gründer, die sagen, sie hätten eine unglaublich tolle Idee. Sie wollen mir zwar nicht verraten, wie die Idee aussieht, aber sie wollen 100.000 Dollar Startkapital. Ich glaube nicht, dass eine Idee nur durch ihr Vorhandensein revolutionär ist.

Pascal Finette

font=“Wingdings“ Null: So viele Anteile nimmt WebFWD von den Gründern und Entwicklern, die es unterstützt, sagt Pascal Finette. Finette ist Direktor der Open Innovation Group und des Inkubators WebFWD bei Mozilla in Kalifornien. Bevor er im Jahr 2008 bei dem Browserhersteller anheuerte, arbeitete er als Manager bei Ebay, baute eine Unternehmensberatung für Startups auf, gründete einige Unternehmen selbst und war Mitgründer des Risikokapitalgeber FoundersLink. Kürzlich wurde er in einem WirtschaftsWoche-Ranking unter die 100 wichtigsten deutschen Internetpersönlichkeiten gewählt

„Der entscheidende Faktor, der eine Revolution auslöst, ist nicht die Idee, sondern ihre Ausführung.“

Worauf kommt es an?
Finette: Denken Sie zum Beispiel an Amazon, Google oder Ebay: Die waren alle nicht die ersten auf ihrem Markt, aber sie haben es am besten gemacht. Der entscheidende Faktor, der eine Revolution auslöst, ist nicht die Idee, sondern die Ausführung – und dabei helfen wir mit WebFWD.

Um eine Idee gut umzusetzen, braucht es Geld. Bekommen die Gründer das von WebFWD?
Finette: Wir haben darüber nachgedacht. Aber aus unserer Sicht ist Geld nicht das Hauptproblem für innovative Entwickler, sondern Support von Experten. Wer am Ende unseres zwölfwöchigen Programms Finanzierungsbedarf hat, den bringen wir mit Risikokapitalgebern zusammen, helfen ihm dabei, Fördermittel zu bekommen und investieren auch selbst.

Wie viele Unternehmensanteile verlangt WebFWD für die Unterstützung?
Finette: Keine. Der größte Gewinn für uns ist, wenn die Projekte erfolgreich sind und positive Änderungen im Netz bewirken. Darüber hinaus gibt es nur ein Gentleman’s Agreement, das besagt: Wenn aus einer Idee das nächste große Ding hervor geht, dann denkt an Mozilla zurück und spendet etwas. Nur wenn wir nach Ablauf des Programms direkt investieren, nehmen wir einen kleinen Anteil am Unternehmen, um unsere Interessen langfristig aneinander zu binden.

Das Projekt ist im Juli 2011 gestartet – welche Bilanz ziehen Sie nach zwölf Monaten?
Finette: In einem Wort: Lehrreich. Wir haben das Programm in der Zwischenzeit zweimal umgestaltet, um unseren Teams den bestmöglichen Service zu bieten. Wir haben fast 40 Trainingvideos produziert, die wir frei zugänglich gemacht haben. Wir haben mit Gründern überall auf der Welt gesprochen und teilen unsere Erfahrungen und Ideen mit Inkubatoren, Startups, Konzernen und sogar der Europäischen Union in Brüssel. Alles in allem sind wir sehr zufrieden – und glauben, dass noch soviel mehr möglich ist.

„Gescheiterte Projekte sind quasi öffentliche Güter für die Internetwelt.“

Kam es schon vor, dass Projekte trotz der Unterstützung durch WebFWD gescheitert sind?
Finette: Ja, ganz ohne Frage. Eine vielleicht gute Idee findet keinen Markt oder die Gründer entscheiden sich, das Projekt aus viellerlei Gründen nicht weiter zu verfolgen. Solche Dinge passieren.

Gibt es etwas, das an gescheiterten Projekten gut ist?
Finette: Wenn du nie scheiterst, dann hast du nicht gut genug experimentiert. Das gilt für Startups, aber auch für große Unternehmen wie Google. Auch bei Mozilla sind schon Projekte schief gegangen. Aber einerseits ist Scheitern heute extrem billig geworden, andererseits sind es wichtige Erfahrungen, mit denen man selbst oder andere weiterkommen können. Gescheiterte Projekte sind quasi öffentliche Güter für die Internetwelt.

Wie gefragt ist WebFWD in der Gründerszene?
Finette: Wir haben bisher fünfzehn Teams aufgenommen, darunter nicht nur amerikanische – eines sitzt zum Beispiel in Indien. Bei uns können sich Gründer aus aller Welt bewerben, also auch aus Deutschland. Wer innovative Ideen für’s Web macht, die zur Mozilla-Idee passen, hat gute Karten. Wer sich dagegen bei uns bewirbt, weil er das nächste Angry Birds programmieren und damit Milliarden verdienen will, dem sagen wir nein.

Heißt das: Wer Profite machen will hat bei WebFWD nichts zu suchen?
Finette: Im Gegenteil. Wir haben ein großes Interesse an Gründern, die es schaffen, mit neuen Ideen Geld zu verdienen – denn gerade im Open-Source-Bereich gibt es einen ausgeprägten Mangel an funktionierenden Businessmodellen. Das übliche Modell ist: Ich gebe dir die Software kostenlos und verkaufe dir dann Beratung. Da suchen wir nach Alternativen.

Wie kommt ihr an gute Entwickler, wenn die möglicherweise zu besseren Konditionen bei erfolgreichen Konzernen anheuern könnten?
Finette: Natürlich gibt es Entwickler, die nur nach dem großen Geld schielen – die gehen halt zu Google, das ist in Ordnung. Aber der Großteil der Entwickler im Silicon Valley hat einen Ethos verinnerlicht: Sie teilen gerne und wollen etwas für die Gesellschaft tun. Manche fühlen sich nicht mehr wohl mit der Vorstellung, das nächste Mee-too-Produkt zu machen, nur um es für drei Millionen Euro zu verticken – sie suchen Sinn.

„Ich bin an Ideen interessiert, die zu unserer Mission passen.“

Erwarten Sie von WebFWD denn, dass die Gründer ebenso öffentlich agieren wie Mozilla?
Finette: Wenn du bei uns im Programm bist, musst du auch sagen, was du tust – und deine Projekte öffentlich machen.

Welches Projekt finden Sie besonders spannend?
Finette: Zum Beispiel CASH Music. Die Gründer sind Musiker und haben eine Plattform gebaut, auf der sich Musiker präsentieren können – vom Tourkalender bis zum Social-Media-Marketing. Das ist sehr nützlich, denn Musiker müssen sich heute selbst vermarkten, wenn sie nicht Lady Gaga heißen. Trotzdem ist das Tool kostenlos und das Startup genauso gemeinnützig wie Mozilla.

Aber es hat nichts mit Mozilla zu tun…
Finette: Das ist es ja: Ich bin mehr an Ideen interessiert, die zu unserer Mission passen, als an solchen, die zu unserem Browser passen. Wir wollen Innovation, Open Source und wir wollen den User wieder zum Herrn seiner Daten machen.

„Wir wollen den User wieder zum Herrn seiner Daten machen.“

Wie soll das in Zeiten Sozialer Netzwerke gelingen?
Finette: Das fragen wir uns auch und suchen fieberhaft nach Antworten. Bei Mozilla sind wir zum Beispiel davon überzeugt, dass das Thema Online-Identität noch nicht gut gelöst ist. Viele Menschen bewegen sich heute mit ihrer Facebook- oder Twitter-Identität durchs Netz…

…was ja ganz praktisch ist: Man kann kommentieren, Informationen tauschen und andere Plattformen nutzen, ohne sich noch mal extra einzuloggen…
Finette: Aber wir glauben, dass das semi-optimal ist. Zum einen, weil die eigene Online-Identität mit kommerziellen Interessen der Unternehmen verknüpft ist. Zum anderen sind wir überzeugt, dass eine Online-Identität mehrere Facetten hat.

Das heißt?
Finette: Im Geschäftsleben bist du jemand anderer als im Privatleben. Und das decken die existierenden Systeme nicht ab. Deswegen haben wir vor einem Jahr in den Mozilla Labs begonnen, das Thema Browser ID zu entwickeln. Mit dieser ID wird man sich überall einloggen können.

Wird daraus am Ende ein weiteres soziales Netzwerk?
Finette: Wir wollen nicht das nächste Facebook bauen, sondern dem Netz eine Plattform geben, damit darauf Innovationen entstehen können. Und diese Innovationen können von Gründern kommen, die wir mit WebFWD fördern.

„Wer Profit maximieren will, tut nicht automatisch das Beste für seine Nutzer.“

WebFWD erinnert an Lars Hinrichs’ Projekt HackFwd. Haben Sie den Namen abgekupfert?
Finette: Nein. WebFWD hieß anfangs Project X, dann Sprout, dann Chocolate Factory, dann Spark. All das ging aus verschiedenen Gründen nicht. Bei einem Kaffee sind wir dann irgendwann auf WebFWD gekommen. Erst später wurde uns die Ähnlichkeit zu HackFwd bewusst. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass es da eine Verwechselungsgefahr gibt, weil wir unterschiedliche Ansätze haben.

Wirklich? Auch Lars Hinrichs sucht innovative Internet-Gründer und Web-Entwickler, die er unterstützt…
Finette: Lars will profitorientierte Unternehmen anschieben, die er finanziert und von denen er Anteile nimmt. Und er macht mit HackFwd einen fantastischen Job. Wir wollen nützliche Ideen unterstützen, auch wenn sie keine Gewinne einspielen, und geben weder Geld, noch nehmen wir Anteile.

Sind Profite, Anteile, Investoren nicht auch deswegen wichtig, weil sie Gründern helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen?
Finette: Sicher beeinflusst das Motiv eines Gründers seine Entscheidungen. Wenn er Profit maximieren will, tut er allerdings nicht automatisch das Beste für seine Nutzer, sondern das, was ihm mehr Geld bringt – manchmal auf Kosten der Nutzer. Bestes Beispiel sind Webseiten, die mit Werbung Geld verdienen: Die erschweren Benutzerflüsse, um mehr Anzeigen schalten zu können. Ich bin nicht der Che-Guevara-T-Shirt-Träger, der Profit für etwas Böses hält – aber es gibt eben auch Antreiber wie das Gemeinwohl, die für manche Menschen stärker sind.

silicon valley

Pascal Finette lebt im und twittert aus dem kalifornischen Silicon Valley.

„Du musst immer nach neuen Möglichkeiten suchen, auch wenn die alten noch gut funktionieren.“

Auch sie waren lange bei profitorientierten Unternehmen beschäftigt. Zum Beispiel bei Ebay, als es seinen Durchbruch erlebte. Während die Dotcom-Bubble platzte, blühte der Konzern auf, geriet aber später in die Krise. Was haben Sie daraus gelernt?
Finette: Ebay hatte in den Jahren 2002 und 2003 so viel Erfolg, dass sich dort eine verhängnisvolle Stimmung breit machte: Bloß nichts anfassen, bloß nichts verändern – sonst könnte es kaputt gehen. Die damalige Vorstandschefin Meg Whitman wollte nichts durcheinander bringen. So hat Ebay aber auch Innovationen verschlafen. Heute ist Ebay wieder innovativ und generiert einen wachsenden Teil seines Umsatzes über mobile Anwendungen.

Also hätten Sie bleiben sollen?
Finette: Nein, als ich das Unternehmen im Jahr 2005 verlassen habe, fühlte es sich an wie ein sterbender Gigant. Danach habe ich Gründer beraten, einige Startups gegründet und den Risikokapitalgeber FoundersLink mit aufgebaut. Aus der Zeit bei Ebay habe ich aber etwas ganz Wichtiges mitgenommen: Du musst immer nach neuen Möglichkeiten suchen, auch wenn die alten noch gut funktionieren.

Dann haben Sie bei Mozilla angeheuert, einem gemeinnützigen Unternehmen. Warum?
Finette: Als gemeinnütziges Unternehmen hat Mozilla einen großen Vorteil: Die Leute dort wollen den Laden nicht verkaufen oder an die Börse bringen. Die sind nicht da, weil sie einen erfolgreichen Exit hinlegen oder reich werden, sondern weil sie genau dort arbeiten wollen – das ist doch sehr sympathisch.

„Mich fasziniert es, wenn ich in einem Raum die dümmste Person bin – dann kann ich am meisten lernen.“

War Geld einfach kein Thema mehr, nachdem Sie bei Ebay die Computersparte geleitet und in verschiedene Unternehmen hatten?
Finette: Moment, auch bei Mozilla gibt es marktübliche Gehälter. Aber für mich ist das tatsächlich zweitrangig. Mein Hauptmotivator war und ist nicht Geld, sondern Lernen. Mich fasziniert es immer, wenn ich in einem Raum die dümmste Person bin – das heißt für mich: Hier kann ich am meisten lernen. Wenn ich das Gefühl habe, alles verstanden zu haben, dann muss ich gehen.

Bei Mozilla ist dieser Punkt nach vier Jahren noch nicht erreicht?
Finette: Nein. Dank WebFWD bin ich permanent mit neuen Ideen konfrontiert und muss mir um viele Fragen Gedanken machen. Wir überlegen zum Beispiel, wie wir internationaler werden können – etwa mit einem Satelliten in Berlin. Oder wir sprechen mit Risikokapitalgebern, damit die unseren Teams Geld geben. Deswegen wache ich auch nach einem Jahr jeden Tag auf und denke: Du musst noch so viel lernen!

Herr Finette, vielen Dank für das Gespräch.



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