Warum hinken europäische Start-ups den Internet-Konzernen in den USA und China hinterher? Bei der Eröffnungsrede auf einer Start-up-Konferenz an seiner ehemaligen Universität nennt Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer drei Gründe.

Oliver Samwer schreitet zur Bühne des Hörsaals, nimmt Stufe um Stufe, vorbei an rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die zur Eröffnung der „idealab!“ gekommen sind. Die zweitägige Konferenz läuft noch bis Samstag an der Privat-Universität WHU in Vallendar bei Koblenz. Der Saal ist prall gefüllt, Dutzende müssen stehen und recken den Hals, um „Oli“ zu sehen, der hier vor mehr als 20 Jahren sein Diplom gemacht hat.

Der Gründer des Inkubators Rocket Internet hat sich den meisten männlichen Zuhörern angepasst: Kaschmirpulli, hellblauer Hemdkragen, khakifarbene Hose, Lederschuhe. „Hello everyone“, sagt er, als sich der Applaus gelegt hat. Vielleicht liegt es daran, dass Samwer Englisch spricht, jedenfalls klingt seine Stimme noch dünner als sonst.

Er will heute über eine zentrale Frage sprechen: Warum kommt keine der größten zehn Internet-Unternehmen aus Deutschland, ja noch nicht einmal aus Europa?

Samwer antwortet sich selbst mit einer Gegenfrage: „Um das herauszufinden, müssen wir uns selbst fragen: Wie werde ich ein guter Gründer?“ Mit „gut“ meint er eigentlich: möglichst groß.

Denn er gibt prompt die Antwort: „Unsere Träume sind nicht groß genug!“ Das sei der wichtigste Unterschied zwischen deutschen Gründern und jenen aus den USA und China. Dass die Heimatmärkte dort etwas größer sind als die bei uns in Deutschland, spielt bei ihm erstmal keine Rolle.

„Wenn ihr Gründer in den USA trefft, reden sie davon, die Welt zu verändern und träumen von fliegenden Autos. Und bei uns in Deutschland? Die Medien lachen doch über Ideen von Leuten wie dem Tesla-Gründer Elon Musk und behaupten, das wäre alles unmöglich zu finanzieren. Daran sehen wir: Unsere Kultur ist deutlich risikoscheuer als Übersee. Und das bringt uns dazu, kleiner zu denken. Ich werde oft dafür kritisiert, dass meine Träume zu groß sind. Aber ich sage euch eins: Wir müssen noch größer denken! Wir müssen noch risikoaffiner werden. Sonst wird unsere Gesellschaft zwar digitalisiert, aber wir hier verlieren den Anschluss und müssen auswandern, um große Unternehmen zu gründen.“

Medienschelte statt kritischer Fragen

Dass große Träume auch mal platzen können, wenn sie von der Realität eingeholt werden, spricht Samwer nicht an. Die Bewertung des Online-Möbelhändlers Home24, eines der Vorzeige-Unternehmen aus dem Portfolio von Rocket Internet, fiel im September von 981 auf 420 Millionen Euro. War der Traum zu groß? Leider kommt aus dem Publikum keine einzige kritische Nachfrage.

Stattdessen betreibt Samwer noch ein bisschen Medienschelte: „Bei jedem einzelnen Fehler, den wir machen, erscheinen genauso viele Artikel, wie wenn wir ein Unternehmen erfolgreich verkaufen. Daran seht ihr, was wir in Deutschland für eine Fehlerkultur haben!“ Juckt ihn das? „Als Gründer muss euch das egal sein“, betont Samwer. „Lasst die Leute reden und konzentriert euch auf das Produkt! Scheitern geht schneller als Erfolg zu haben. Irgendetwas wird immer scheitern – es kommt darauf, wieder aufzustehen.“

Dann gäbe es noch eine zweite Sache, die USA und China von Deutschland unterscheidet, sagt Samwer: der Produktfokus der Gründer. „In Europa sind wir gut darin, Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wir kennen uns gut mit Margen aus und wissen, wie man neue Kunden gewinnt. Aber nur die wenigsten von uns sind aktiv am Produkt beteiligt. Ich meine Leute, die Tag und Nacht daran arbeiten, ihre mobile Webseite zu verbessern.“

  1. Die Samwers waren zum richtigen Zeitpunkt jung und haben damals auch alles richtig gemacht.

    Heute sind sie nicht mehr ganz jung dafür aber kapitalkräftig. Nur haben sie es verpaßt, sich und ihre Investments diesen veränderten Umständen anzupassen.

    Beispielsweise könnten sie sich so aufstellen, daß sie von regelmäßig auftretenden Krisen oder allgemein vom zukünftigen wirtschaftlichen Wachstum in China, Indien und Afrika profitieren.

    Die x – fache Kopie von Internet – Vermittlungen in überbesetzten, margenschwachen Gewerbezweigen wird den großen Erfolg kaum bringen.