Die Debatte um einen kostenlosen ÖPNV für Verbraucher lässt auch junge Marktteilnehmer nicht kalt. Sie sehen ihre Angebote als Alternative zum Individualverkehr.

Heute Nacht geht es in Lübeck los: In der Hansestadt startet das Berliner Ridesharing-Start-up Clevershuttle eine Kooperation mit dem örtlichen Nahverkehrsunternehmen Stadtverkehr Lübeck. Elektrische Fahrzeuge ergänzen nachts die regulären Routen – und bringen die Fahrgäste auf einer technisch möglichst ausgeklügelten Strecke bis vor ihre Haustür.

In Berlin, Hamburg, München und Leipzig ist Clevershuttle bereits verfügbar. In der Hauptstadt kooperiert Konkurrent Door2Door seit Ende Dezember mit den Berliner Verkehrsbetrieben und seit vorletzter Woche mit dem ADAC. Damit sind die beiden Ridesharing-Start-ups mittendrin in der Debatte um einen kostenlosen Nahverkehr für Verbraucher, wie ihn die Bundesregierung selbst in dieser Woche ins Gespräch gebracht hat. Um die Schadstoffbelastung der Luft deutlich zu reduzieren, werden Alternativen zum normalen Autoverkehr gesucht.

Die Start-ups, die den öffentlichen Nahverkehr ergänzen wollen, schließen sich den durchaus umstrittenen Ideen an: „Wollen wir mit der Forderung einer lebenswerten, gesünderen und schöneren Stadt wirklich ernst machen, bedarf es einer drastischen Senkung des motorisierten Individualverkehrs“, sagt Clevershuttle-Geschäftsführer Bruno Ginnuth gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. „Nun gilt es den Beweis zu erbringen, wie viel uns dieser Wunsch wirklich wert ist.“  Auch Door2Door-Mitgründer Tom Kirschbaum schließt sich den Plänen an: „Das Streben der Regierung, den ÖPNV mit kostenlosen Angeboten attraktiver zu machen, unterstützen wir.”

Droht die Innovationsbremse?

Gleichzeitig warnte der Digitalverband Bitkom in dieser Woche davor, einfach die Gebühren des derzeit existierenden Nahverkehrs zu streichen. „Kostenlosangebote führen zunächst einmal dazu, dass es mehr Verkehr gibt und nicht weniger“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

Er sieht sogar die Gefahr, dass innovative Produkte – wozu etwa die ganze Palette von Bike-, Car- und Ridesharing-Angeboten gehöre – durch einen steuerfinanzierten Nahverkehr behindert würden: „Kostenpflichtige Mobilitätsdienste hätten gegenüber kostenlosen Angeboten kaum eine Chance, Investitionen in Neuentwicklungen würden unterbleiben.“

Dabei hat gerade aktuell auf dem Mobilitätsmarkt viel Bewegung eingesetzt: Daimler und BMW wollen ihre Mietauto-Flotten vereinen, neue Marktteilnehmer fahren mit Marktplätzen für den Privatauto-Austausch los, zuletzt kündigte Fahrradverleiher Limebike auch E-Bikes und Elektroroller an. Fraglich wäre, zu welchen Tarifen die stark fremdfinanzierten Start-ups in einen vielseitigeren Nahverkehr integriert werden könnten.

Die komplette Vernetzung des Verkehrs, bis hin zur einheitlichen Abrechnung, sei deswegen ein wichtiger Schritt, sagt auch Kirschbaum gegenüber WirtschaftsWoche Gründer und wirbt für eine Integration von nachfragegesteuerten Ridesharing-Diensten in die kommunalen Liniennetze. Dann würde ein kostenloser Nahverkehr von Tür zu Tür funktionieren: „Ein kostenloses ÖPNV-Angebot beschleunigt die Verbreitung solcher Angebote enorm, Flotten sind schlagartig besser ausgelastet.“ Clevershuttle-Geschäftsführer Gunnath schließt sich da gerne an: „Der Weg zu einer nachhaltigen, urbanen Mobilität erfordert eine Stärkung des ÖPNV als Rückgrat einer jeden Stadt.“