Neue Erkenntnisse zur Copycat-Debatte: Der Oldenburger Entrepreneurship-Professor Professor Alexander Nicolai untersucht mit seinem Team, wie sich Geschäftsmodelle rund um den Globus verbreiten. Dabei hat er festgestellt, dass viele der vermeintlichen Vorreiter gar nicht die Pioniere auf ihrem Gebiet waren

Alexander Nicolai ist Professor für Entrepreneurship an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Mit der Doktorandin Jantje Halberstadt hat er in einer Studie untersucht, wie sich Geschäftsmodelle rund um den Globus verbreiten.

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Gründerraum: Herr Nicolai, warum interessieren Sie sich so sehr für Unternehmen, die die Gründerszene abfällig als Copycats und Klone bezeichnet?
Nicolai: Die meisten Gründer imitieren fremde Ideen. Selbst die am stärksten wachsenden und erfolgreichsten Startups adaptieren oder kopieren Geschäftsideen. Dennoch hat sich die wirtschaftswissenschaftliche Forschung bisher kaum für das Thema Imitation interessiert, sondern vor allem für Innovationen.

Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
Nicolai: Innovation hat einen guten Ruf. Das geht soweit, dass viele Menschen wie selbstverständlich annehmen, dass der erfolgreichste Anbieter einer Technologie auch derjenige war, der sie erfunden hat. Die Öffentlichkeit setzt Erfolg mit Innovation gleich. Dabei gehen Imitation und Innovation stets Hand in Hand und bedingen einander gegenseitig. Nachahmer werden gewaltig unterschätzt.

Mach’s nach!

Copycats, die Geschäftsideen erfolgreich nachahmen, spalten die deutsche Gründerszene – dabei ist es sinnvoll, gute Ideen zu imitieren, sofern man damit keine Rechte verletzt. Auch den Vorbildern selbst kann es helfen, wenn sie kopiert werden. Mehr dazu in der aktuellen WirtschaftsWoche vom 16. April 2012 (Heft 16).

Zurzeit erforschen Sie, wie Geschäftsmodelle sich über den Globus verbreiten. Wie können Sie das nachvollziehen?
Nicolai: Wir machen uns zunutze, dass sich im Internet sehr leicht überprüfen lässt, welche Unternehmen wann und wo erstmals aktiv geworden sind und welche heute die meisten Nutzer haben. Gemeinsam mit meiner Doktorandin Jantje Halberstadt und einem Team von Muttersprachlern können wir so rekonstruieren, wie sich Geschäftsmodelle über 28 Länder ausgebreitet haben, die zusammen 70 Prozent aller Internetnutzer vereinigen.

Welches Ergebnis hat Sie besonders überrascht?
Nicolai: Dass die USA entgegen des gängigen Klischees nicht das Mutterland der Pioniere sind. Das erste Soziale Studentennetzwerk etwa hieß nicht Facebook, lange davor entstand das Netzwerk 5460 in China. Die erste Video-Plattform hieß nicht Youtube, zuvor erblickte Metacafe in Israel das Licht der Welt. Und der Vorreiter der Businessnetzwerke LinkedIn und XING war Ecademy aus Großbritannien, das vier Jahre früher gegründet wurde.

Aber keiner dieser First Mover spielt heute noch eine große Rolle…
Nicolai: In der Tat sind frühe Nachahmer oft erfolgreicher als ihre Vorbilder. Das gilt vor allem dann, wenn sie ein im Ausland bestehendes Geschäftsmodell nachahmen, aber auf ihrem Heimatmarkt der Pionier sind – so wie die Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer es regelmäßig tun. Das zeigt: Es ist nicht unbedingt Erfolg versprechend der erste Anbieter überhaupt zu sein, wohl aber der erste Nachahmer auf einem neuen Markt.

Wie erklären Sie sich das?
Nicolai: Die ersten nationalen Pioniere sparen sich das Geld für die teure Suche nach einer Geschäftsidee und vermeiden so Sackgassen, zudem können sie leichter Investoren überzeugen. Dennoch betreten sie einen jungfräulichen Markt, auf dem sie für einen Augenblick der einzige Anbieter sein können. Diese kurze Zeit reicht dann oft, um sich einen entscheidenden Vorsprung vor weiteren Nachahmern zu erarbeiten. Anders gesagt: Nationalen First Movern wie den Samwers gelingt es, die Vorteile des Pioniers mit den Vorteilen des Nachahmers zu kombinieren.

Gilt all das nur für Geschäftsmodelle im Internet?
Nicolai: Nein, dort ist es nur besonders auffällig. Für eine andere Studie haben wie beispielsweise untersucht, wie sich die Geschäftsidee der Stadtstrände verbreitet hat – künstliche Strände, die Unternehmer in Städten anlegen und bewirtschaften. Der erste dieser Strände entstand 1996 in einer Kleinstadt bei Paris. Vier Jahre später imitierte ein Unternehmen die Idee in Paris, kurz darauf explodierte die Zahl der Stadtstrände in Europa, dann eroberte die Idee auch die deutschen Großstädte. Das Ganze funktionierte ähnlich wie die Verbreitung von Videoportalen oder sozialen Netzwerken rund um den Globus – nur hat sich über die Stadtstrandklone noch nie irgendjemand aufgeregt.