Das neue Jahr bringt neue Gesetze. Was die eCall-Pflicht für Neuwagen bewirken könnte, erklärt das Karlsruher Start-up Pace. Der dritte Teil unserer Serie.

Wer erfolgreich ins Jahr 2018 starten will, sollte sie im Blick haben: die neuen gesetzlichen Vorschriften. Einige von ihnen haben das Potenzial, ganze Geschäftsfelder umzukrempeln. Welche Vorschriften für Gründer besonders interessant sind, welche Chancen sich hinter drögen Gesetzestexten verstecken können und mit welcher Strategie sich Start-ups diese neuen Märkte erschließen wollen – all das zeigt unsere dreiteilige Serie. Am Mittwoch berichtete FinTecSystems über die Chancen hinter der Zahlungsrichtlinie PSD2, gestern sprach Penseo über das Potenzial der überarbeiteten Betriebsrente.

Im letzten Teil blicken wir auf die sogenannte eCall-Pflicht für Neuwagen. Ab dem 1. April 2018 ist der Einbau dieses Notruf-Systems in Deutschland verpflichtend für alle Autohersteller. Passiert ein Unfall, bestimmt das System per GPS automatisch den Ort des Fahrzeugs und stellt eine Verbindung zum Rettungsdienst her.

Das Start-up Pace Telematics mit Sitz in Karlsruhe und Berlin hofft auf kräftigen Antrieb durch die neue Vorschrift. Seit der Gründung 2015 arbeiten Martin Kern, Robin Schönbeck und Philip Blatter an einem Cloud-Dienst für das vernetzte Auto. So erhält Pace Geld von Gewerbekunden wie zum Beispiel Werkstätten, die monatlich für die Nutzung der Plattform bezahlen.

Seit Mai ist die Firma nun auch mit einem Adapter auf dem Markt, der den automatischen Notruf zum Nachrüsten in Gebrauchtwagen bringen soll. Die Firma mit 33 Mitarbeitern verdient so auch an Privatkunden: Für 119 Euro verkauft das Start-up den Stecker, der per Bluetooth Daten an eine Smartphone-App sendet. Geschäftsführer Martin Kern erklärt im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer, warum die eCall-Pflicht kräftig Fahrt in die Automobilbranche und sein Start-up bringen wird.

Durch die neue Regelung verändert sich unser Markt …

… vor allem langfristig. Durch die eCall-Pflicht werden künftig alle Autos online sein, weil jeder Pkw in der Lage sein muss, Daten zu senden und eine Verbindung für die Kommunikation mit dem Notdienst herzustellen. Das heißt, dass sich in den kommenden Jahren deutlich mehr Möglichkeiten ergeben werden, Fahrzeuge zu vernetzen. Daraus entstehen wiederum neue Geschäftsmodelle. Weil der Grad der Vernetzung bei Fahrzeugen stetig steigt, werden wir in fünf Jahren deutlich mehr Neuwagen direkt auf unsere Cloud schalten können. Zum Beispiel können Werkstätten den sogenannten Pace Link bei uns kaufen und ihn an ihre Kunden weitergeben. So heißt der Adapter, der Gebrauchtwagen mit dem automatischen Notruf ausstattet. Die Werkstatt kann dann Daten zu den eingebundenen Autos empfangen – zum Beispiel Kilometerstand und Fehlermeldungen – und direkt einen Reparaturtermin inklusive genauem Kostenvoranschlag machen. Das ist am Ende das spannende Geschäftsmodell.

Wir profitieren von der neuen Regelung, weil …

… sie die Aufmerksamkeit der Autofahrer auf das Thema Sicherheit lenkt. Wahrscheinlich werden sie sich stärker mit dem Notrufsystem beschäftigen. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Nachfrage nach Nachrüst-Lösungen für Gebrauchtwagen steigen wird. Denn im Vergleich zum Neuwagen wird das Gebrauchtfahrzeug dadurch aufgewertet. Wir erwarten also, dass wir deutlich mehr Pace Links verkaufen werden – bislang hat eine deutlich fünfstellige Zahl an Autofahrern das Gerät gekauft. Wir verhandeln außerdem mit Automobilherstellern über eine mögliche Integration von Pace-Funktionen in Neufahrzeuge. Aber hier besteht noch keine spruchreife Kundenbeziehung.

Innerhalb der kommenden fünf Jahre wird der Notruf zum Nachrüsten an Bedeutung verlieren. Denn bereits jetzt ist das System in viele Neufahrzeuge integriert. Für uns heißt das: Wir positionieren uns langfristig als eine herstellerunabhängige Plattform, die Connected-Car-Lösungen und Big-Data-Dienste bündelt. Unser Kooperationspartner und Audi-Tuner ABT Sportsline stattet beispielsweise seine Fahrzeuge ab 2018 serienmäßig mit Pace aus – über eine direkte Bluetooth-Verbindung ins Steuergerät, was die Hardware als Verbindungselement zum Smartphone überflüssig macht. Mit dem IT-Dienstleister SAP arbeiten wir zudem daran, eine Bezahlfunktion auf die Plattform zu schalten. Das heißt, Autofahrer werden über unsere App fürs Tanken und Parken bezahlen können. Die Funktion soll im ersten Halbjahr 2018 verfügbar sein. Der Preis für den Adapter bleibt gleich.

Nächste Seite: Warum Pace einen Schritt zurück gehen muss