Autoindustrie und Start-up-Verband haben gemeinsame Wünsche an die Politik formuliert. Schon heute dienen junge Unternehmen als Katalysator für Innovation.

Hersteller, Zulieferer, Dienstleister: Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hängt direkt oder indirekt von der Automobilindustrie ab. Doch die Branche steht – getrieben durch Elektromobilität und neue Ansprüche der Kunden – vor bedeutenden Veränderungen. Die wollen sie auch gemeinsam mit Start-ups aus dem Mobilitätssektor meistern. Ende der vergangenen Woche haben dazu der Verband der Automobilindustrie (VDA) und der Bundesverband Deutsche Startups gemeinsame Thesen und Forderungen aufgestellt.

Insbesondere von der Politik erwarten die Verbände eine ausgewogene Mischung von Zurückhaltung und neuen Initiativen, damit auf Dauer die Zusammenarbeit zwischen Großkonzernen und Start-ups gelingt. „Diese Kooperation wird umso erfolgreicher, je stärker sich die Politik als unser Partner aufstellt und die gesetzlichen Rahmenbedingungen so anpasst, dass neue Mobilitätskonzepte auch umgesetzt und in Deutschland erlebt werden können“, sagt Tom Kirschbaum, Mitglied des Vorstands des Startup-Verbandes und Geschäftsführer von door2door.

Der Forderungskatalog ist umfangreich: Der Verbraucher solle auch in Zukunft selbst entscheiden können, welches Verkehrsmittel er wählt oder wie viele Daten er im Tausch gegen neue Dienstleistungen preisgeben möchte. „Eine Politik, die gegen das Auto gerichtet wäre, verstieße gegen die Präferenzen und Bedürfnisse eines Großteils der Bevölkerung“, heißt es etwa in dem Papier.

Zugleich fordern die Verbände neue gesetzliche Regelungen, um etwa das Personenbeförderungsrecht fit für die Sharing Economy zu machen. „Beispielsweise sollte auch die Nutzung freier Mitfahrkapazitäten in privaten Pkw – jenseits des konventionellen Taxi- und Mietwagengewerbes – nicht unnötig erschwert werden“, schreiben die Autoren. Insbesondere das Taxigewerbe hatte im Kampf gegen Uber da bislang das derzeitige Recht auf seiner Seite. Auch mehr Unterstützung für die Anschaffung von Elektrofahrzeugen steht auf der Wunschliste von VDA und Startup-Verband.

In der Zusammenarbeit zwischen Konzernen und Start-ups ist für die jungen Partner dabei vor allem die Rolle des Innovators vorgesehen. Bei den traditionellen Unternehmen dominiert die Arbeit in mehrjährigen Modellzyklen – bei vielen Start-ups wird in Verbesserung im Wochen- oder Monatsrhythmus gedacht. „Junge Technologieunternehmen können experimenteller und risikoreicher arbeiten und sind eine ideale Ergänzung zu interner Forschung und Entwicklung“, sagt VDA-Präsident Matthias Wissmann.

Dafür greifen die Hersteller immer wieder gerne tief in die Kasse. Seit dem Jahr 2011 sicherten sich 127 deutsche Start-ups Investitionen in Höhe von 316 Millionen US-Dollar, zeigt zeigt eine Erhebung der Unternehmensberatung Oliver Wyman, die vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde. Zahlenmäßig überwiegen dabei die Investitionen in digitale Dienstleistungen rund um das Fahren oder Teilen von Fahrzeugen. Zuletzt verkündeten da etwa Daimler und der Bald-Opel-Besitzer PSA Neuigkeiten.

Zögerlicher investiert wird dagegen in Start-ups, die sich mit neuen Technologien wie dem Elektro- oder Brennstoffzellenantrieb beschäftigen. „Bei Green-Vehicle-Technologien setzen deutsche Hersteller bislang vor allem auf ihre eigene Kompetenz bei Forschung und Entwicklung“, bilanzieren die Berater. Wenn die Konzerne hier zuschlagen, wird direkt deutlich mehr Kapital fällig: Nach der Erhebung von Oliver Wyman erhielten die Gründer im Schnitt viermal so viel Geld wie digitale Mobilitätsdienstleister.

Über Beteiligungen sichern sich die Autohersteller aber nicht nur Zugang zu den technischen Innovationen – es geht bei integrierten Diensten um weit mehr. Das geht aus der Oliver-Wyman-Erhebung hervor. „Über ihre Apps schaffen die Start-ups auch neue Schnittstellen zum Kunden, auf die die Hersteller zugreifen wollen“, erklärt Matthias Bentenrieder, Partner bei Oliver Wyman.