Warum ich mich gegen einen Investor entschieden habe, organisch wachsen gar keine schlechte Option ist und jeder Gründer seinen Antrieb nicht vergessen sollte.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen und mit anderen Kuriositäten der Start-up-Szene.  Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventours und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Von Meike Haagmans

Mal abgesehen von meinem Schülerjob im Eine-Mark Laden, arbeite ich seit der Beantragung meiner Sozialversicherungsnummer als Flugbegleiterin. Während (Teilzeit-)Fliegen und Studieren gut vereinbar waren, stellte sich anschließend die Jobsuche als sehr schwierig heraus. Ich suchte eine Stelle, die mir erlaubte, weiterhin an zwei langen Wochenenden im Monat Fliegen gehen zu können. Vergebens. Ich musste stellte fest, dass Teilzeitkräften maximal Aufgaben eines Sachbearbeiters zugetraut werden und so entwickelten sich erste Gründergedanken.

Nach der klassischen Entrepreneur-Lehre gehöre ich also wohl zu den Gründern, die aus der Not heraus starteten. Nicht ganz, den auch eine Visionärin steckte in mir. Während meiner Auslandszeit in Argentinien konnte ich keine Regenschirme mehr sehen. Nicht weil es in dem Land soviel regnete, sondern weil Scharen von Touristen diesen hochgehaltenen und zwecksentfremdeten Schirmen hinterher liefen. Die Tourismusbranche hatte es geschafft, ihre ursprünglich Funktion komplett zu missbrauchen. Regenschirme und Reisegruppen schafften es sogar mit „Hummeldumm“ von Tommy Jaud auf die Bestsellerliste der deutschen Literatur.

Notfallplan oder Vision

Meine Vision war es, eine Reiseart zu entwickeln, die Touristen erlaubt, individuell und doch organisiert durch ein Land reisen zu können und die dabei die Möglichkeit bekommen, sich unter Einheimische zu mischen. Da Rundreisen immer nur klassisch in der Gruppe angeboten wurden, entwickelte ich das Produkt Linienbusreisen und gründete Joventour, den einzigen Reiseveranstalter in Deutschland, der ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist.

Regenschirme und Reisegruppen wurden erfolgreich im Unternehmenskonzept eliminiert. Seit knapp vier Jahren baue ich eine Firma auf, bei der es keine festen Bürozeiten gibt und jeder Mitarbeiter ortsunabhängig arbeiten kann. Hauptsache wir kennen, was wir anbieten. Dass Notfallplan und Vision eine gute Kombination waren, erlebte ich im zweiten Betriebsjahr. Die Tourismusbranche wurde auf die neue Reiseart aufmerksam und es gab erste große Auszeichnungen und Titelgeschichten. Aber mit dem Ruhm und der Anerkennung kam auch der Druck.

Ich bekam das Gefühl wachsen und mehr schaffen zu müssen, größer zu werden – skalierbar zu sein. Eine Destination reichte nicht mehr, in Zukunft soll die ganze Welt mit dem Linienbus bereisbar sein. Ich brauche Kapital – einen Investor – ich muss pitchen – präsent sein – mich vernetzten – online und offline – auf Veranstaltungen gehen.

Ich verbrachte viel Zeit im Büro, schrieb neue Unternehmenskonzepte, bereitete DDs vor und kalkulierte potenzielle Umsätze mit Summen durch, bei denen mir als Privatperson schwindelig wurde. Meine Bürozeiten wurden immer länger, die Couchabende mit meinem heutigen Ex-Freund kürzer und bald hörten diese ganz auf. Ich war anscheinend in die Start-up Falle getappt. In dieser Zeit fanden erste Gespräche mit Investoren statt und obwohl ich unheimlich stolz war, dass sich jemand für mein Unternehmen interessierte, bin ich einer persönlichen Einstellung bei allen Gesprächen immer treu geblieben: Ich werde niemals meinen Job als Flugbegleiterin ganz aufgeben.

In dich investiere ich nicht, wenn du weiter fliegst!

Die Antwort saß und zwar nicht nur ein Mal. Ich hatte meine erste Lektion zum Thema Investorenverhältnis gelernt: Der Gründer hat sich seinem Start-up mindestens 120 Prozent zu widmen, ansonsten wird nicht investiert. Unabhängig davon, ob schon der Beweis erbracht wurde, dass es auch anders funktionieren kann. Bei mir entwickelte sich langsam ein unwohles Gefühl in Bezug auf Investoren. Warum gab ich mich mit Menschen ab, die versuchten, mir das auszureden, was mich überhaupt zu Gründerin
gemacht hat? Die mich verändern wollen?

Gelegentlich gehe ich mit dem Chef meiner Schwester essen. Er ist Touristiker mit Leib und Seele, hat vor über 20 Jahren sehr erfolgreich seine eigene Firma aufgebaut und ist bestens bekannt in der Branche. Für mich ist er ein Unternehmervorbild. Nachdem ich ihm eines Abends von meiner Wachstumsstrategie erzählt hatte und nach seiner Meinung fragte, schaute er mich an und sagte: „Meike, ich habe damals niemanden in meine Firma gelassen. Ich hole mir doch nicht Probleme ins Haus. Das ist und bleibt mein Ding!“ Und da war er: der Schalter und er war umgelegt.

Manchmal muss es Klick machen

Warum will ich unbedingt Teile meines Erschaffenen verkaufen? Und das an Menschen, die mich als Gründerin nicht so akzeptieren, wie ich bin? Die sogar meine Gründerkompetenz wegen meiner Liebe zum Fliegen in Frage stellen? Warum will ich mir in mein Handwerk fuschen lassen? Und was spricht dagegen einfach organisch weiter zuwachsen? Je länger ich über den Abend nachdenke, umso mehr merke ich, wie sehr ich meinen ursprünglichen Antrieb als Gründerin aus den Augen verloren habe. Ich wollte doch eine Firma schaffen, die tolle Reisen anbietet und nebenbei ihren Mitarbeiten noch Freiheiten lässt. Nicht mehr und nicht weniger.

Stattdessen hatte ich mich in Ideen verrannt, die nicht zu meinem Unternehmenskonzept passten und ich konnte gar nicht mehr sehen, was ich schon alles erreicht hatte. Ich hatte das Vertrauen in mich als Gründerin und in den von mir selbst geschaffenen Beweis verloren, dass Joventour weiter organisch wachsen kann und auch wird.