Und dann ist in dem Angebot auch noch die Thematik des allseits beliebten Exits inkludiert. Schon alleine um das Wort Due Diligence überhaupt aussprechen zu können, hat es bei mir ein Semester gedauert. Davon mal abgesehen, dass ich mir nur ansatzweise vorstellen kann, was dieser Prozess überhaupt alles beinhaltet.

Warum nur habe ich das Geld für mein MBA-Studium so aus dem Fenster geschmissen, wenn ich das ganze Wissen so einfach in einem Wochenendseminar hätte haben können?

Je mehr ich mich mit den Werbeanzeigen beschäftige, umso paradoxer finde ich sie. Immer öfter werde ich mit den Wortlauten ‘Selbstbestimmung’, ‘Freiheit’ und vor allem ‘Achtsamkeit’ (bezogen auf die körperliche Variante) konfrontiert.

Gerade beim letzten Begriff frage ich mich, was die Achtsamkeit mit einer Firmengründung zu tun hat? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man als Gründer in der Start- und Wachstumsphase alles andere als achtsam auf seinen Körper ist. Weil man einfach keine Kapazitäten dazu hat. Weder zeitlich und schon gar nicht mental.

Auch die Begriffe ‘Freiheit’ und ‘Selbstbestimmung’ sind völliger Unsinn. Ich muss kein Betriebswirtschaftsstudium abgeschlossen haben, um zu wissen, dass Geld durch Kunden generiert wird. Folglich bestimmen die Kunden den neuen, angeblich selbstbestimmten Arbeitsrhythmus und nicht mehr der Vorgesetzte – das ist der einzige Unterschied. Natürlich kann ich entscheiden, ob ich lieber morgens, mittags, abends oder nachts meine Aufgaben erledige. Vermutlich aber wird es zu allen vier Tageszeiten sein.

Am Erschreckendsten bei diesen Anzeigen finde ich allerdings die Vielzahl und die Preise. Anscheinend wächst der Markt enorm und Menschen in Hamsterrädern sind bereit, viel Geld für einen schnellen Ausweg zu zahlen. Wer plant, sein Mindset auszubessern und eine neue Work-Life-Balance sucht, zahlt schnell mal eine mittlere dreistellige Summe.

Ist eine Gründung aber wirklich die einzige Lösung, um seiner Unzufriedenheit am Arbeitsplatz zu entfliehen? Wohl kaum. Denn nicht in jedem steckt ein Unternehmer. Und vielleicht gibt es durchaus Personen, für die ein strukturiertes und organisiertes Arbeitnehmerleben perfekt ist. Trotzdem darf auch diese Gruppe sich mal in der Arbeitswelt unwohl fühlen und ins Zweifeln kommen. Möglicherweise hilft ein Arbeitgeberwechsel oder eine Teilzeitstelle manchmal mehr, als etwas zu machen, was eine Suchmaschine vorschlägt.

Ich möchte niemanden vom Gründen abhalten. Ein eigenes Start-up aufzubauen, ist mit das Spannendste, was man erleben darf. Aber es ist ein Prozess. Und Prozesse dauern. Man kann das Gründen lernen, aber nicht an einem Wochenende.

Dazu gibt es ganze Studiengänge oder mehrmonatige Businessplanwettbewerbe. Deutschland investiert viel, um ein Gründerland zu werden. Das kostenlose Angebot ist groß. Aber im Gegenzug werden auch Leistungen verlangt. Und wer diese nicht erbringen kann, sollte seine Geschäftsidee mehr als ein Mal überdenken, statt sich nur um sein Mindset und um Achtsamkeit zu kümmern.