Wer eine Firma gründet, braucht Mut – und den haben laut einer Studie vor allem Letztgeborene.

Seit Jahren denken Experten darüber nach, wie man in Deutschland das Unternehmertum fördern kann. Die einen plädieren für mehr Gründergeist in der Firma und rufen Innovations-AGs ins Leben. Die anderen wünschen sich Entrepreneurship als Pflichtfach an Hochschulen, wieder andere animieren Schüler zu Wirtschaftsplanspielen.

Alles nicht verkehrt – und dennoch schwächelt das unternehmerische Herz der Deutschen. Im Jahr 2001 gab es hierzulande nach Angaben der KfW-Bankengruppe 1,5 Millionen Unternehmensgründer, 2015 waren es nur noch 763.000. Im Jahr 2001 lag der Anteil der Gründer an der Gesamtbevölkerung im Alter zwischen 18 und 65 Jahren noch bei 2,9 Prozent, 2015 fiel diese Zahl auf 1,5 Prozent.

„Die Millennials sind auf dem besten Weg, die am wenigsten unternehmungslustige Generation der jüngeren Geschichte zu werden“, sagte kürzlich auch John Lettieri vom amerikanischen Thinktank Economic Innovation Group. Nach einer Auswertung des „Wall Street Journal“ ist der Anteil der Selbstständigen unter 30 in den USA so niedrig wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

Mangelnder Gründergeist der Millenials

Bringen also alle gut gemeinten Initiativen nichts? Fehlt es der Nachwuchsgeneration schlicht an Gründergeist, an unternehmerischem Mut und Tatkraft? Setzt sich die Generation Y lieber ins vermeintlich gemachte Nest einer Festanstellung?

So einfach ist es nun auch nicht. Glaubt man einer neuen Studie, dann hat der mangelnde Gründergeist eine wesentlich simplere Erklärung: Entscheidend ist, ob jemand als erstgeborenes Kind auf die Welt kommt – oder als Letztgeborener ältere Geschwister hat.

Zu diesem Ergebnis kommen zumindest Liang Han (Universität von Reading) und Francis Greene (Universität von Birmingham) in einer Untersuchung, die demnächst im Fachjournal „Personality and Individual Differences“ veröffentlicht wird. Die beiden Wissenschaftler werteten dafür die British Cohort Study aus. Eine Langzeitstudie, die etwa 17.300 britische Kinder verfolgt, die im Jahr 1970 zur Welt kamen. Die Teilnehmer machen seitdem regelmäßig umfangreiche Angaben zu ihrem Leben – wie gut es ihnen körperlich geht, wie viele Freunde sie haben, aber auch, wie es in Schule, Universität und Beruf läuft.

Han und Greene fokussierten sich in ihrer Auswertung auf 6300 Studienteilnehmer, von denen jeweils die Hälfte mit einem Geschwisterteil und die andere Hälfte mit mindestens zwei Geschwistern aufgewachsen war. Insgesamt 15 Prozent waren im Jahr 2008 selbstständig, was sich in etwa mit der Rate von Großbritannien deckt.

Doch als die Wissenschaftler sich die Daten noch einmal genauer ansahen, entdeckten sie ein kurioses Detail: Immerhin 48 Prozent aller Gründer waren die Letztgeborenen ihrer Familie. Nur 29 Prozent waren die Erstgeborenen, 23 waren die mittleren Geschwister. Besonders in jenen Familien, die zuvor keine unternehmerische Vergangenheit hatten, machten sich die Letztgeborenen wesentlich häufiger selbstständig.

Hang zur Rebellion

Der österreichische Arzt Alfred Adler beschäftigte sich bereits Anfang der Dreißigerjahre mit den Konsequenzen der Geburtsreihenfolge. Er war davon überzeugt, dass die Stellung in der Familie das Leben entscheidend beeinflusst. Und in den Neunzigerjahren fasste Frank Sulloway vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) seine jahrelangen Untersuchungen in dem Buch „Der Rebell der Familie“ zusammen. Darin vertrat Sulloway die Ansicht, dass Erstgeborene und Einzelkinder eher darauf aus sind, den Status quo beizubehalten, dass sie verantwortungsvoll sind und daher klassische Führungspersönlichkeiten.

Spätergeborene hingegen müssen schon in der Kindheit mit Widerständen umgehen, sind empfänglich für Neuerungen und bereit zu radikalem Denken – allesamt Faktoren, die den Schritt in die Selbstständigkeit eher begünstigen.