Fast 90 Prozent aller Start-ups in Deutschland scheitern. Für die Plattform Leinentausch war die Insolvenz jedoch die Rettung ihrer Geschäftsidee.

Von Julia Nikschick

Hundesitter-Plattform Leinentausch. Die 26-jährige Bayerin Alina Demmel hat erlebt, wovor es vielen Unternehmern graut: Sie musste durch die Insolvenz. Im August 2013 wurde das Berliner Start-up Leinentausch gegründet, Demmel kam im März 2015 dazu. Ein halbes Jahr später drohte der Ruin – aus heutiger Sicht die Rettung einer guten Geschäftsidee.

Leinentausch ist eine Art Dating-Plattform für Hundeliebhaber. Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner nicht mit in den Urlaub oder ins Büro nehmen konnten, werden mit geeigneten Betreuern zusammengebracht. Die Plattform verspricht einen festen Stundenlohn für die Betreuer und kassiert dafür eine Vermittlungsgebühr von 22 Prozent.

Orientiert hat sich Gründerin Vanessa Lewerenz-Bourmer am US-amerikanischen Modell Dogvacay. Nach der Teilnahme an den Accelerator-Programmen „You is Now“ und später an „Axel Springer Plug & Play“ erhielt das Start-up im Januar 2015 einen sechsstelligen Betrag durch den bayerischen Verlag Forum Media Group. Die Zahl der Nutzer stieg und Lewerenz-Bourmers Befürchtungen nicht ernst genommen zu werden, waren passé. Zuvor definierte Ziele wie der Ausbau der angebotenen Dienstleistungen oder gar die Internationalisierung des Unternehmens kamen auf den Tisch. Doch die Investoren zogen nicht mit.

Insolvenzrecht muss verändert werden

Alina Demmel, die im März 2015 als Geschäftsführerin zu Leinentausch kam, sagt dazu: „Wir waren noch nicht profitabel und konnten uns mit den Investoren nicht schnell genug auf einen gemeinsamen Kurs einigen.“ Irgendwann sei das Geld schließlich alle gewesen. Also musste Leinentausch im Dezember 2015 die Insolvenz anmelden. Man habe nach Alternativen gesucht, sagt Demmel, aber am Ende habe der zeitliche Rahmen gefehlt. Es konnten keine Buchungen mehr über die Plattform erfolgen. Großes Entsetzten, aber vor allem enorme Hilfsbereitschaft, sei dem Team von ihren Nutzern entgegengebracht worden, erinnert sich Demmel. Doch die Eröffnung des Insolvenzverfahrens, welches beiden Frauen die Möglichkeit nahm über die Zukunft des Unternehmens mitzubestimmen, war nicht mehr abzuwenden.

„Die früheren Gesellschafter haben im normalen Insolvenzverfahren praktisch keine Möglichkeit mehr, auf die Verwertung des Gesellschaftsvermögens Einfluss zu nehmen“, erklärt Heribert Hirte. Der 58-Jährige ist Professor für Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg und seit 2012 Bundestagsabgeordneter für die CDU, wo er unter anderem auch Berichterstatter für Insolvenzrecht im Rechtsausschuss ist.

Hirte setzt sich stark für eine Überarbeitung des Insolvenzrechtes ein. Denn das stellt Unternehmer bislang vor einige Probleme. Gerade die Anmeldung der Insolvenz ist in den Augen Hirtes schwierig. Drei Wochen nach Eintreten der Zahlungsunfähigkeit müssen Unternehmer diese melden, das verlangt die aktuelle Rechtslage. Geschieht dies nicht, macht sich der Unternehmer strafbar.